Archiv der Kategorie: 05 Architektur und Stadtplanung Weimar

Über das Geistige in der Architektur

Die Transkription des Bauhauses in ein Museum

von Olaf Weber

Ein Gebäude besteht neben Stein, Holz, Stahl und Glas auch aus rhetorischen Figuren. Wenngleich die Häuser massiv und dauerhaft sind, so ist doch Architektur vor allem etwas Labiles und Immaterielles. Ein Haus kann zu uns sprechen. Und wir können das zu Stein gewordene Geistvolle genießen und wiederum interpretieren.

Das geht so weit, dass die massiven Balken und Pfeiler, Treppen und Kellergewölbe verhindern müssen, dass schöne Architektur zur Poesie wird. Die Stadt ist ein Text, der in seiner Omnipräsenz einen vergänglichen Raum in einer unnatürlichen Sprache artikuliert. Schauen wir uns an, welchen Text das Bauhaus-Museum spricht.

Realität. Die ästhetischen Beschlüsse der Architekten sind oft isoliert, fremdbestimmt und marginalisiert. So hat nicht die Architektin Heike Hanada, sondern haben die Beschlüsse der Finanzausschüsse, die Autoren diverser Rechnungen und Paragraphen, natürlich auch eine Jury und die herrschende Baukultur und vor allem der geistig-kulturelle Zustand Weimars die Fundamente des Bauwerkes gelegt.

Vor diesem Anspruch und Hintergrund betrachten wir nun die Ideengeschichte des neuen Bauhaus-Museums in Weimar, zunächst durch einen kurzen Rückblick auf die Geschichte einer langwierigen Planung, wobei leider ein permanenter Mangel an konzeptionellem Vorlauf auffällt. 

Verortung. Seit der Wiedervereinigung war klar, dass Weimar ein (neues) Bauhaus-Museum braucht. Als aber plötzlich (20 Jahre danach) eine Finanzspritze aus Berlin kam, traf diese die Stadt, die Klassik-Stiftung und die Bauhaus-Universität völlig unvorbereitet. Danach wurde fast ausschließlich über einen möglichen Standort diskutiert.

Am Gründungsort hatte die Uni keine Reservefläche für das Museum bereit gehalten, so dass abstruse Vorschläge aufkamen, zum Beispiel die inzwischen unter Denkmalschutz stehende DDR-Mensa abzureißen oder dem Museum für das Staatliche Bauhaus ein teilprivatisiertes Museum am Hotel „Elephant“ zu verordnen (Public-Private-Partnership). Die Klassik-Stiftung als künftiger Nutzer wollte einen zentralen Ort am Zeughof, damit die Besucher beim Stadtrundgang das Bauhaus-Museum auf keinen Fall verfehlen. Der Stadtrat favorisierte aber im Interesse des Stadtganzen einen Standort abseits der klassischen Zentren. Damit wurde der Überkonzentration des Tourismus auf das mittelalterliche Stadtzentrum durch ein Ausweichen auf seinen Rand klug entgegen gewirkt.

Das bedeutete, dass die Gestalt des Neubaus nicht mehr dem ästhetischen Anpassungsdruck des historischen Kontextes ausgesetzt war. Nun war die Gestalt des künftigen Museums wieder offen. Doch am Rande des Weimarhallenparkes wurde das Wesentliche des Standortes offenbar: Das Bauhaus-Museum musste eine Antwort auf die politisch herausfordernde Sprache des „Gauforums“ finden.

Das Geistige. Nun stellte sich heraus, was nicht stattgefunden hatte. Es fehlte eine ausführliche Diskussion um den Sinn eines solchen Museums, um  den geistigen Gehalt des Bauwerkes, um den Typus, um die Symbolkraft, um Ausdruck und Wirkung des neuen Gebäudes. Die Frage nach dem architektonischen Typus hätte die Diskussion belebt und bewirkt, dass der Geist des Bauhauses oder seiner Neugeburt doch noch Gegenstand des architektonischen Diskurses geworden wäre.

Der Bauherr hatte seine Vorstellung vom Museum und sein ästhetisches Credo nur ungenügend definiert. Im Ergebnis eines Wettbewerbes von 2011/12 wurden 536 Entwürfe aus aller Welt eingereicht, die in den meisten Fällen dem Text der Ausschreibung folgten, aber wenig dem Anspruch des Bauhauses entsprachen.

Sollte der Neubau ein möglichst unspektakulärer Sachbau werden, sollte er in seinem Habitus an die Moderne der 20er Jahre erinnern, sollte er unsere heutige Zeit ausdrücken oder gar einen Blick in die Zukunft wagen, wie es seinerzeit das Bauhaus versuchte? Letzteres hätte eine Diskussion über den Avantgardismus heute oder über die Zukunft in unserer Gegenwart erfordert. Es hätte eine Transkription des Bauhaus-Experiments in eine gegenwärtige Utopie bedeutet. Das waren offene und unbeantwortete Fragen an Weimar.

Die Ästhetik. Das Bauhaus verstehen heißt, das Bauhaus neu denken. Gropius hatte damals die erreichbaren progressiven Tendenzen seiner Zeit aufgegriffen und ihnen ein Programm und einen Namen gegeben: Bauhaus. Das Bauhaus wollte den Schwulst der Kaiserzeit durch eine sachliche Gestaltung vernichten. Aber die Reduktion auf elementares Gestalten war nur der Anfang, Ziel war der Aufbau einer neuen Grammatik, einer neuen architektonischen Formensprache. Dieser Versuch war aus historischen Gründen abgebrochen und nie wieder im Geiste des Bauhauses aufgenommen worden. Heute wäre das Bauhaus natürlich allen technischen Neuerungen offen. Es würde mit dem digitalen Potential experimentieren und neue ästhetische Körper, Räume und Oberflächen produzieren. Der „White cube“ war lediglich eine Folie, in der sich die Experimente spiegeln konnten.

Öffentlicher Disput und Mitbestimmungsmodelle. Die Demokratisierung der Gesellschaft war 1919 in eine neue Phase getreten, in die Weimarer Republik. Am Bauhaus wirkte sich die Novemberrevolution von 1918 durch eine soziale und internationalistische, auch weibliche Orientierung aus, aber noch nicht durch eine breite Demokratisierung des Produktionsprozesses von Architektur und Design. Direkte Demokratie und Mitbestimmungsmodelle spielten damals keine Rolle, sie wären aber heute in der Planung eines Museums dieser Avantgarde unbedingt nötig gewesen, damit zunächst ein historisches und philosophisches Modell, später ein architektonischer und künstlerischer Entwurf hätte gelingen können.

Der ökologische Aspekt. Bei Gründung des Bauhauses schien das Verhältnis des Menschen zur Natur noch in Ordnung zu sein. Die natürlichen Formen sollten damals mit den Abstraktionen der Artefakte vor allem eine ästhetische Balance bilden. Es ist keine Spekulation zu behaupten, dass das Bauhaus heute ein Ort des ökologischen Radikalismus wäre. Es wäre deshalb eine selbstverständliche Vorgabe gewesen, den Erinnerungsort an diese Avantgarde als Null-Energie-Haus zu konzipieren. 

Der politische Standort. Das Bauhaus wurde schon bald nach der Gründung von einer kleinbürgerlichen Schicht mit volkskonservativen und nationalistischen Parolen vertrieben. Die Rolle einer Avantgarde für das immer wieder sich erneuernde Weimar wurde von diesen Kräften völlig verkannt. Aus diesem Denkraum könnte der Eindruck entstehen, dass das Bauhaus nach einem Alterungsprozess von 100 Jahren endlich nach Weimar zurückkehren darf – nun aber als Wirtschaftsfaktor der Tourismusbranche. Diesem Eindruck muss durch anhaltende Akte der Wiedergutmachung entgegengewirkt werden.

Der Standort des neuen Bauhaus-Museums verortet den historischen Kontrast zum Nationalsozialismus unmittelbar. Das Museum befindet sich in direkter Nachbarschaft zur autoritären Herrschaftsarchitektur des „Gauforums“. Aus dieser Nähe entstand die Notwendigkeit, den historischen Sieg der Moderne über die NS-Architektur ästhetisch zu interpretieren – die vielleicht schwierigste Herausforderung des Standortes. Ich komme gleich noch einmal darauf zurück.

Resümee. Konnte man erwarten, dass ein Museum, das 100 Jahre nach der Gründung des Bauhauses geplant und diesem gewidmet ist, das Bauhaus quasi in seine Zukunft, also in unsere Gegenwart hinein fortsetzt? Ja, es wäre möglich gewesen und das Bauhaus verlangt aus meiner Sicht nach einer experimentellen Architektur als Hülle für seine avantgardistischen Ideen und Relikte.

Aber die von Staat, Stadt und Stiftung gebildeten Voraussetzungen für ein Bauhaus-Museum waren trotz rasanter globaler Umbrüche eher konservativ. Die Architektin hat einen soliden Entwurf geliefert, dessen Reize und Qualitäten wahrscheinlich in der inneren Raumgestaltung liegen. Die ausgestellten Zeugnisse programmatischer Ideen und 100-jähriger Erfindungen dominieren aber klar über die bauliche Hülle, die aus einem sauberen Baukörper mit einer schönen Schriftbanderole und einem postmodernen Portal besteht.

Weimar ist um eine Attraktion reicher. Aber der Entwurf für einen so hohen Zweck hätte Weimars kulturelle Tradition und seinen Erneuerungswillen herausfordern müssen. Um das zu verdeutlichen, will ich doch einmal – entgegen allen Gepflogenheiten – das Urteil der Jury ignorieren und auf einen vergessenen Entwurf zurückschauen, der die Gelegenheit bietet, über Architektur in einer Höhe zu philosophieren, der unserem Thema angemessen wäre.

Es ist der Wettbewerbsbeitrag von Zaha Hadid, einer weltbekannten und hoch dekorierten Architektin. Ich greife ihn heraus, weil er das Bauen der 20er Jahre technisch und ästhetisch weit übersteigt und zugleich zur Nazi-Architektur den größtmöglichen Abstand hat. Deshalb könnte er am besten ausdrücken, was Avantgarde an diesem Standort bedeutet. Ihre Arbeit hat wenig Beachtung gefunden, obwohl ihr radikal-moderner Entwurf den stärksten Ausdruckswert besitzt und in seinem spielerischen Habitus eine doppelte Innovation enthält. Es ist die freieste Avance an das Bauhaus und zugleich die kühlste Absage an den Bierernst des benachbarten monströsen „Gauforums“. Hadids Entwurf dominiert über das Gauforum nicht durch Höhe, sondern durch den größtmöglichen Kontrast zu ihm: durch Heiterkeit und Lebendigkeit. Eine allseitig gewölbte und fließende (parametrische) Kunstform mit ökologisch interessanten Lichtschächten – vielleicht gepaart mit den optisch-kinetischen Apparaten des ungarischen Bauhäuslers Moholy-Nagy. Und dieser Entwurf hätte vielleicht nach erneuter Überarbeitung im Dialog mit dem Geist von Gropius einen Bilbao-Effekt haben können, also zur exklusiven Hülle für einen exklusiven Inhalt werden können.

Nach dem offiziellem Wettbewerb und dem fehlenden 1. Preis gab es in Weimar noch einen bemerkenswerten Impuls: Ein Volkswettbewerb zum Bauhaus-Museum und ein diesbezüglicher Aufruf: „Die Ideen sind frei. Ein Manifest für die Stadt“. Innerhalb von 10 Tagen wurden aus der Bevölkerung 25 unkonventionelle Ideen für ein Bauhaus-Museum eingereicht. Es zeigte sich, dass so genannte Laien erstaunlich frische Bilder für Bauwerke entwickeln können. Es gibt offensichtlich eine Kraft des Dilettantismus, die in den Frühphasen eines Entwurfes helfen könnte, manche Denkschablonen des Systems „Architektur“ zu überwinden. Die Initiatoren des Volkswettbewerbs versuchten mit dieser unkonventionellen Aktion ein Moratorium zu erreichen, um unter kühneren Prämissen neue Denkansätze für das Bauhaus-Museum zu initiieren, leider zu spät und ohne Erfolg. Aber auch das gehört zur Erzählung über das Geistige in der Architektur.

Weimar, Januar 2019

Veröffentlicht in: Palmbaum, Heft 1, 2019 (Heft 68)

Offener Brief an Frau Prof. Heike Hanada. Umfeldgestaltung Bauhaus-Museum Weimar 

Verehrte Frau Prof. Hanada,

in Ihrem offenen Brief an den Stiftungsrat der Klassik Stiftung bemängeln Sie die vorgesehene Umfeldgestaltung des Bauhaus-Museums vor allem dahingehend, dass der betriebene Aufwand nicht dazu dient, die Aufmerksamkeit zum Bauhaus-Museum zu lenken. Wenn es stimmt, dass durch die Planung des Büros Vogt die Dominanz des Bauhaus-Museum eingeschränkt und dessen Beziehung zum „Gauforum“ harmonisiert wird, so hat sich ein wirklicher Denkfehler eingeschlichen, der korrigiert werden muss.
Ich schreibe das, weil dieses Problem über dem aktuellen Streit um die Freiflächengestaltung hinaus geht und den Umgang mit dem sogenannten „Gauforum“ betrifft. Dafür ist es wichtig, wieder einmal den historischen Blick zu schärfen. Wie wir wissen, ist das Bauhaus nicht etwa von Weimar nach Dessau „übergesiedelt“, sondern es ist von volkskonservativen, nationalistischen und völkischen Parteien und Gruppen aus Weimar und Thüringen auf die übelste Weise vertrieben worden. Und das hatte seine Ursachen in der Unvereinbarkeit des einen mit dem anderen. Gropius hatte sein geniales Vorhaben durch die Zusammenführung der damals fortschrittlichsten Tendenzen in Architektur und Design, in Kunst und Lebensgestaltung, in Typographie, Tanz und quasi allen Bereichen der Kultur entwickelt. Diesen Avantgardismus nannte er „Bauhaus“. Die Unvereinbarkeit zum miefigen völkischen Kleinbürgertum war quasi dem Bauhaus immanent.
Wenn wir heute in Weimar ein Bauhaus-Museum bauen, so muss diese Historie auch aus Gründen der Wiedergutmachung in jeden Gestaltungsakt einfließen. Die Gestaltung des Bauhaus-Museums und seines Umfeldes ist eine eminent politische Aufgabe. Das ehemalige „Gauforum“ darf keineswegs ästhetisch gleichberechtigt mit dem Bauhaus-Museum und anderen Teilen der „Topographie der Moderne“ behandelt werden. Schon wegen seiner monströsen Größe ist der Umgang mit dem heutigen Verwaltungsamt schwierig. Das Bauhaus-Museum muss zusammen mit seinem Umfeld entsprechende architektonische Aussagen gegenüber der Nazi-Architektur formulieren und wird nicht zuletzt nach seinen politischen Eigenschaften beurteilt werden. Die Stadt Weimar hat dabei eine große Verantwortung.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Olaf Weber
Weimar, den 20.01.2017

Ein Bachhaus komponieren

2. Weimarer Volkswettbewerb zur Architektur

Bild 1_11. Bach in Weimar

Mitten in Weimars Innenstadt befindet sich ein Ort, dessen Genius loci zu einem weltberühmten Komponisten gehört. Johann Sebastian Bach wohnte und arbeitete ab 1708 fast 10 Jahre lang in einem Haus, das an dieser Stelle stand, dann aber teilweise zerstört, vernachlässigt und abgerissen wurde. Seit Jahrzehnten ist dieser Ort nichts anderes als der Parkplatz des benachbarten Hotels „Elephant“. Mittlerweile hat sich vor allem durch die Aktivitäten des Vereins „Bach in Weimar“ ein weltweites Interesse artikuliert, diesen Ort am Marktplatz mit einem Gebäude zu schmücken, das dem Weltgenie Bach gewidmet ist. Diese Bebauung könnte zugleich einen wichtigen Beitrag zur Stadtreparatur Weimars darstellen.

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2. Den Erbprinzen wieder aufbauen

Die ehemalige Dienstwohnung Bachs befand sich in einem der üblichen Gebäude dieses Stadtviertels und wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit zwei benachbarten Gebäuden zum „Erbprinzen“ vereinigt. Kulturhistorisch hat dieses Hotel durch die Beherbergung von zahlreichen berühmten Musikern, Literaten und Philosophen das Bachsche Wohnhaus noch einmal enorm angereichert, so dass es heute angemessen wäre, statt einer schwachen und unsicheren Nachbildung des Bachschen Wohnhauses den ganzen Erbprinzen wieder aufzubauen – zumal der denkmalpflegerische Befund zum Erbprinzen im Gegensatz zum ehemaligen Bachschen Wohnhaus gut gesichert ist.
Im Rahmen einer historisierenden Stadtreparatur mittels des berühmten Erbprinzen könnten also Johann Sebastian Bach und seine bedeutenden Söhne durchaus ihre angemessene Repräsentanz finden. Doch der Wiederaufbau des Erbprinzen ist unsicher. Deshalb ist es wohl sinnvoll, der Idee einer Rekonstruktion des Erbprinzen die ebenso interessante Alternative eines neuen Bach-Monumentes zur Seite zu stellen.

3. Das klingende Bach-Monument als freier Entwurf

Diese Alternative wäre der architektonische Gegenpol zur historischen Kopie. Es ist der freie Entwurf eines Monumentes, das quasi die architektonische Hülle für Bachs musikalisches Kredo bildet. Auf der Suche danach sollte die ganze Spannweite der Korrelationen zwischen Musik und Architektur ausgelotet werden, damit die architektonische Grundidee in größtmöglicher Freiheit entwickelt werden kann. Große Architektur entsteht aus einem Überschuss an Ideen. Bachs Monument muss große Architektur sein. Es kann nur aus einem behutsamen Entwicklungsprozess hervorgehen, in dem das musikalische Werk des jungen Bachs ebenso wie der „Geist des Ortes“ erkundet und so zum Potential eines ausufernden Experimentierens werden kann. Bachs neues Haus verlangt eine sensible Vorbereitung und zugleich eine unbegrenzte Phantasie der Architekten, Künstler und aller schöpferischen Kräfte, um sich dem Kern einer solchen Idee zu nähern.
Die Aufgabe, ein Bachhaus Weimar als klingende Bach-Begegnungsstätte und Memorialort für das Weltgenie zu errichten, ist so großartig, dass im Vorfeld künftiger Aktivitäten alle möglichen Potentiale mobilisiert werden sollten. Dem Anliegen, verkrustetes Denken und Klischees aufzubrechen, dient unser Wettbewerb „Ein Bachhaus komponieren!“. Mit ihm ist die Erwartung verbunden, dass Bachs geniale Kreativität auch die Ideen zur Gestaltung dieses singulären Ortes inspirieren könnte. Dafür stehen der junge „Weimarer Bach“ selbst, seine Experimentierlust, seine Modernität und seine legendäre spontane Improvisationskunst Pate. Es kann für die künstlerischen Ideen keine Vorgaben geben – außer der, zu einem individuellen Sinnbild für Bachs Musik zu werden.

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4. Der Volkswettbewerb

Das übliche Verfahren zur Entwicklung architektonischer Ideen ist der Architekturwettbewerb. Neben dem Aufruf des Expertenwissens ist aber eine Erweiterung der Öffentlichkeit auf die Gesamtheit der Interessierten, also eine offene Diskussion über alle Fragen der Bauaufgabe (people – brainstorming) wünschenswert. Der öffentliche Charakter eines neuen Bachhauses drängt förmlich dazu, durch eine Erweiterung des beteiligten Personenkreises und die Aufhebung ästhetischer Zwänge eine große Ideenfülle im Umfeld des Entwurfes zu akquirieren. Bereits im 1. Weimarer Volkswettbewerb, damals zum Neuen Bauhausmuseum im Jahre 2012, ging es nicht nur um die Teilhabe aktiver Bürger am Planungsprozeß, sondern in einer Erweiterung des partizipatorischen Ansatzes um die Aufforderung, mit neuen Bauideen bis in die Gestaltfindung des Gebäudes, also bis zum eigentlichen Entwurf vorzudringen. Die Erfahrungen dieses Volkswettbewerbes sind im Aufruf „die Gedanken sind frei, ein Manifest für die Stadt“ zusammengefasst (http://www.olafweber.org/2012/05/die-ideen-sind-frei-manifest-2012/). Der komplexe Architekturentwurf bleibt selbstverständlich Sache der Architekten. Doch gibt es Momente im Prozess des Hervorbringens von Architektur, in denen sich auch andere schöpferische Kräfte beteiligen sollten. Gerade die Frühphasen sind bei solchen Bauaufgaben, die unkonventionelle und durchgeistigte Lösungen brauchen, für die Qualität des Ergebnisses wichtig. Offene Ideenwettbewerbe oder Volkswettbewerbe können in der entscheidenden Frühphase der Planung die Raum-, Bild- und Strukturpotentiale erweitern. Für die Ideenfindung zeigt sich, dass so genannte Laien erstaunlich frische Bilder für Bauwerke entwickeln können. Unverbrauchte und sensible Dilettanten sind durchaus fähig, bildhafte Ideen im baulichen Maßstab zu denken.

5. Aus dem Wettbewerbsaufruf

„Jeder Mann/jede Frau/jedes Kind ist aufgefordert, möglichst unkonventionelle Entwürfe für die Gestaltung dieses Ortes einzureichen. Diese Ideen müssen nicht realisierbar sein. Im freien Spiel der Intuition kann ein Gebäude, ein Raum, ein Monument, ein Symbol oder ein irgend geartetes Objekt entworfen oder beschrieben werden, das geeignet ist, dem musikalischen Weltwunder Bach in Weimar wieder seinen Ort zu geben. Wir nennen das: ein Bachhaus komponieren! Es gibt für den Entwurf keine Vorgaben – außer der, zu einem individuellen Sinnbild für Bachs Musik zu werden … Der Aufruf richtet sich an alle Phantasiebegabten, er will alle ermuntern und so von der ungebremsten Kreativität des Dilettantismus profitieren. Die Realisationsmöglichkeiten werden später und anderswo untersucht … Es gibt auch keine Vorgaben für die Darstellung der Ideen: Es können improvisierte Modelle gebaut, Zeichnungen angefertigt oder eine Vision auch nur beschrieben, bedichtet oder besungen werden, und vieles weitere … die Ideen sind frei. Die Ergebnisse werden in einer Ausstellung im Rahmen des Interludio der BACH BIENNALE WEIMAR vom 18. bis 19. Juli 2015 gezeigt. Die Teilnehmer erhalten Urkunden, alle sind Preisträger, die Bachstadt Weimar ist die Jury!“

Radio Lotte – Interview mit Prof. Myriam Eichberger vom 14.07.2015

Radio Lotte – Interview mit Prof. Dr. Olaf Weber vom 2.07.2015

Salve TV – Ein Bachhaus komponieren, Sendung vom 14.07.2015

6. Die Ausstellung der Ideen

Zum Volkswettbewerb „Ein Bachhaus komponieren“ wurden mehr als 20 völlig unterschiedliche Beiträge eingereicht und zur Ausstellungseröffnung am 18.07.2015 unter Beteiligung vieler Autoren im Foyer der Universitätsbibliothek präsentiert.
MDR – Ein Bachhaus für Weimar vom 18.07.2015

Hier nun ein Einblick in die Vielfalt der Ergebnisse.
Manuela Born und Alexander von Knorre stellen ein phantasievolles, teils unterirdisch angesiedeltes Refugium der Sinnlichkeit vor. Die Besucher können Bachs Musik abseits der Touristenströme in großen und kleinen, verschwiegenen Räumen genießen. Das Wortspiel mit Bachs bürgerlichen Namen und den kleinen Wasserläufen, die tatsächlich die Stadt an dieser Stelle durchziehen, könnte dazu anregen, das musikalische Material auf Wahrnehmungen natürlicher Erscheinungen zu projizieren. Diese Analogie von Natur, Geschichte und Geologie sowie den wohltemperierten Klängen Bachscher Musik könnte eine wunderbare Anregung sein, Bach auf eine besonders komplexe Weise zu erleben.
Ein Beispiel für eine Idee, die kein Entwurf sein will, sondern eine künstlerische Argumentation zum Thema „Bachhaus“, liefert Max Elhardt, der in Dänemark lebt. Eine so tiefgründige und zugleich heitere Idee muss nicht unbedingt in einem Transformationsprozess in ein reales Objekt überführt werden können. Doch auf diesem Weg ist alles offen. Max Elhardt schreibt zum Quinten Riesen Rad für Johann Sebastian Bach: „hier mein Beitrag. wegen Aufenthalt im Sommerhaus graphisch eher spröde, aber eine vortreffliche kinetische Installationsidee, gespickt mit Schwebungen und Harmonielehre für Fortgeschrittene alles inklusive: Wolfsquinten, wohlige Temperaturen und pythagoreische Kommata“.
bachhaus weimar max elhardt
Einen anderen Versuch, Musiktheorie und Design in einem Entwurf zu vereinen, unternimmt Michael Geyersbach mit seinem B-A-C-H WÜRFEL. Er schreibt: „Ein Haus hat vier Wände. Der Name Bach besteht aus vier Tönen. Das Bachhaus ist ein Würfel, bestehend aus 4 Flächen b a c h, einem Fundament und einem Dach. Blind links to heaven. Seine Musik: sinnlich erfahrbare, in Töne gegossene mathemische Sprache. Sein Werk: ein Universum. Seine Wirkung: zeitlose Utopie. Ein Bachhaus ist nicht nur Erinnerung, es ist gebaute Utopie. Eine Art Begegnung der Avantgarde“. Und weiter: „Das Bachhaus ist mit einer Videohaut auch ständig groß und kleinflächig, ein Gesamtkunstwerk aus Lichtbild, Installation, Musik, Klängen, Gesprächen, ein Ort der Begegnung, von Konzerten und Kunstaktionen“.
Geyersbachs Ideenskizze
Manon Grashorn stellt einen Wandteppich vor, der ästhetische Transformationen provoziert, doch bereits selbst das Resultat eines künstlerischen Transformationsprozesses ist. Der Titel der Bach-Kantate „Geist und Seele wird verwirrt“, wird darin in einer neuen künstlerischen Dimension interpretiert. Er könnte auch ein Motto für die erwünschte Öffnung der synästhetisch organisierten Sinne sein.
Harald Grothe aus Aachen stellt ein großes Bachhaus-Modell vor, auf das ein Film projiziert wird. Der Film erweitert das Modell in Richtung des Vierdimensionalen. Phantasievoll ist dieses Modell auf einem 3D-Drucker entstanden.
Martin Fink „Euphonia II“ 2014/2015 organisiert in seinem ebenfalls großen Holzmodell eine rhythmische Sprache phantastischer Architekturelemente. Es ist kein Entwurf, sondern ein großartiges Konzert in den Dimensionen der architektonischen Formensprache.
Mit dem Widerspruch zwischen traditioneller Formensprache und modernem Bauen setzt sich ein anonym bleibender Autor auseinander. Die Fassade von der Größe des ehemaligen Wohnhauses wird als moderne Skulptur geformt. Auf den haushohen plastischen Abdruck einer Violine ist die graphische Struktur traditioneller Fassadenelemente appliziert, wie sie möglicherweise Bachs Wohnhaus eigen war. Ein Stück konzeptioneller Baukunst.
Völlig außerhalb der Realität scheint ein Vorschlag für ein mobiles Bachhaus von Katja Weber zu sein. Das Modell einer „Bach-Praline“, aus Pappe mit Metallrädern beschreibt sie so: „ähnlich dem Bauhaus-Museum hat auch das Bachhaus ein Standortproblem. Hier also wiederholt mein Vorschlag der mobilen Immobilie – zugleich auch eine Reminiszenz an den derzeitigen Parkplatz. Falls der Chef doch mal da ist, kann Weimars Praline der Kultur auch mal ein Stückchen zur Seite gerückt werden und notfalls später raus- aus dem Terrain, aus der Stadt, aus der Sichtweite -hinein ins Universum“.
Bachpraline
Einige Autoren liefern Texte, um ihre Ideen zu verdeutlichen. So beschreibt der bekannte Bachforscher Jens Johler ein Zimmer im neuen Bachhaus: „Es sollte ein Zimmer der Zeitgenossen sein, ein Zimmer für Bachs Begegnungen mit Zeitgenossen oder für Bachs Beziehungsnetz … Das sollte dann graphisch, nach Art einer Mindmap, gezeigt werden: Personen, die er kannte. Personen, die ihn kannten … Das Interessante wäre immerhin, dass wir auf diese Weise Bach aus der Perspektive der Anderen sehen, mit den Augen der Anderen. Und so käme vielleicht ein vielfältiges, plastisches Bild des „fernen Bach“ (Wolfgang Hildesheimer) zustande. Er käme uns näher, ohne dass wir versuchten, uns ihm anzubiedern.“
Einige Wettbewerbsteilnehmer beschreiben spezielle Aspekte des Themas. So karikiert der ehemalige Baudezernent Weimars Carsten Meyer den Widerspruch zwischen den Eigentumsverhältnissen auf dem Grundstück und dem öffentlichen Interesse, indem er den Zugang zu Bachs altem Weinkeller durch einen Geheimgang unterirdisch erschließt.
Neue Klangwahrnehmungen erhofft sich Alfons Wagner, indem er die Orgelpfeifen in einem Rondell anordnet.
Ein anonymer Autor schlägt ein „ Bauchhaus“ vor und koppelt wohl die Sinnenfreude in Bachs Werk mit der Sinnlichkeit in seinem Leben. Es ist tatsächlich ein Haus mit einem dicken Bauch. „Bach ist für mich Intuition und Sinnlichkeit. Bach ist Bauch. Ein Bachhaus ist ein Bauchhaus.“
Bach ist Bauch
Alan Warburton zeigt in seinem Video „Präludium und Fuge C-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier 1“ den Gang durch einen eher klinisch anmutenden Raum, bestückt mit „Bach-Utensilien“ Büste, Stadtansicht Leipzig u.a. , dazu gehen im Rhythmus des Stückes farbige Leuchtstoffröhren an. Zu Beginn der Fuge öffnet sich die Tür zu einer Tiefgarage, in der die vier Stimmen der folgenden Fuge als Leuchtstoffröhren an der Decke hängen, diese vier Stimmen kann man dann optisch verfolgen, indem sich bei Abspielen der Fuge jeweils die den Tönen zugehörigen Leuchten erhellen.

Bach: The Well Tempered Clavier for Sinfini Music from Alan Warburton on Vimeo.

Pablo Grande Lopez schuf ein sehr großes Poster als Gesamtkunstwerk, dem er verschiedene Themen zuordnet: 1. Verschiedene Konzepte der Bespielung: Bach-Sessions, Experimentelles, Break Dance mit Bach, Interaktive Auditions mit Visualisierungen: wie komponierte Bach? Künstlerische Installationen zu Bachs Musik. 2. Bachs Leben in Weimar: welche Schwerpunkte, welche Ziele, wie hat er sich entwickelt? „The place, where Bach learned to be Bach“: Begriffe wie: Talent, Arbeit, Disziplin, Jugend, Assimilation, Improvisation; Einfluss Vivaldi + Italien auf Bach, Orgel steht im Zentrum. 3. Nur dieser ist ein originaler Raum der Verehrung 4. Bach = Look up and  Contemplate The Music of the Universe. 5. Was IST Bachs Musik: Universale Ordnung, Universal Musicality, Transcendential Imperfection,  mathematical order (Mathematische Ordnung) , Cosmos Planetary Order, Divinity (Göttlichkeit), deepness (Tiefe), Architecture, Reflexion, human friction, abstract beauty (abstakte Schönheit),  Struktur, Rationalität, Reflexion, Ordnung = Rationale Schönheit. 6. PR-Ideen: Bach-Keller, Bach (Hotel)-Suiten… 7. Architektur: Kubatur Skizzen 8. Erweiterung des Hotels „Elephant“ sowie Bau eines Bachhaus Weimar. Merchandising-Ideen: Bach-Keller, Bach-Bier, Bach-T-Shirts („Keep calm and Bach“, You´ll never Bach alone“) 9. Fiktives Interview mit Bach
Lopez BACHHAUS WEIMAR IDEENWETTBEWERB -Belleza Racional-
Eine populäre Modernisierung Bachs schlägt Lena Haubner vor: „Unten steht der Gettoblaster hochkant auf einem schwarzen Sockel und oben steht in schwarzen Großbuchstaben Bach. Zufälligerweise habe ich entdeckt, dass alle Gettoblaster vor den zwei Lautsprechern so eine Art Metallstäbe haben, bestimmt um sie zusätzlich zu fixieren. Da habe ich mir gedacht, es wäre ja ganz schick, wenn man diese Metallstäbe auch nimmt um den Sockel und die Buchstaben am Gettoblaster festzumachen. Dadurch sieht auch alles mehr aus, wie aus einem Guss“.
Bachblaster Lena Haubner
Joseph Vissier reichte 15 Bilder zum Bachhaus ein, es sind Modell-Entwürfe. Bachhaus 1: Foto mit Blättern und Kerze und Stift und Papier: es geht los. Bild Bachhaus 2  bis 15: street view with exhibition windows, and entrance and historic pictures, text and Manuscript in Sgraffito. Bachhaus 3: Blick von der Rückseite (Parkplatz) auf die 2. Etage mit Musikraum (Saal) für Solorezitals und Kammermusik mit außen angebrachtem Carrilon. Bachhaus 4: Übezellen, ein ganzer Raum aus Stahl und Glas … Bachhaus 5: Blick vom Parkplatz auf Glas und Stahl Musikräume. Bachhaus 6: Blick vom Parkplatz auf den „Top Carillon“ (Bild: Modellfoto eines Gebildes aus Papier/Pappe, auf dem sich wiederum ein schwarzweiß Foto befindet. Bachhaus 7 und 8: Top-Carrilon. Bachhaus 9: Blick vom Parkplatz in die Keller. Bachhaus 10: Diese Seite soll offen sein: alles Glas und Stahl. Bachhaus 11: Ausstellungsraum: offen für alle, mit moderner Technologie. Bachhaus 12: Haupteingang von Parkplatz aus: Lobby/Tea Room/ Cafe. Das Dach ist ein Konzertpodium für Sommerkonzerte. Bachhaus 13: Ansicht vom Parkplatz aus, mit Haupteingang und öffentlichem Ausstellungs-Bereich. Rückansicht mit der Darstellung der Bühne auf dem Dach für Sommerkonzerte. Bachhaus 15: Rückansicht, offene Sommerbühne mit Chor und Orchester, bei „alle Fenster geöffnet“.
Joseph Vissier – Bachhaus 1 bis 15
Jan Karman Komposition Fuge: “Komt vrienden in het ronden”. Er schreibt: “In the foot steps of Johann Sebastian Bach I composed a fugue on the first lines ofan old Flemish folk tune.”
[evtl Medieninhalt einfügen]
Johann Frogemuth Bartel und Anne-Katharina Harder zeichnen phantasievolle Bilder eines Bach-Gartens mit Wasserläufen, Brücken, Kaskaden und Musikern. Sogar ein Elefant kann Trompeten. Bachs Lebenslust ist in frohen Wasserfarben komponiert. Und ein Haus voller Trampoline für bessere Schwingungen beziehungsweise Swing wünscht sich der 4-jährige Yossi Höhne.
Julia Heinemann forderte mit ihrem Beitrag „Das wohltemperierte Haus“ Interessierte auf, vor Ort als „live Performance“ ihren Ideen Ausdruck zu verleihen. Sie schreibt: “Mein erster Gedanke bei Bach ist Polyphonie -> Vielstimmigkeit. Polyphonie bedeutet in der Musik die Selbstständigkeit zusammenklingender Stimmen. Um dieses Prinzip auf die Gestaltung von Räumen anzuwenden, wurden die Bauteile wie Noten aufgefasst und so aufeinander abgestimmt, dass ihnen trotz unterschiedlicher Größen ein Einheitsmaß zu Grunde liegt. Beim Zusammensetzen entstehen immer harmonisierende Verbindungen. Hierbei entsprechen die sieben Plattengrößen den sieben Grundnoten einer Oktave. Durch das ausgewogene Zusammenspiel von Leerraum und Körper entsteht wie durch Ton und Pause die Komposition. So entsteht immer ein wohlproportioniertes Raumgebilde dessen Elemente als selbstständige Bauteile zusammen wirken. (Polyphonie – so streng wie frei).
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Probier`s aus! -> Komponiere Dein Bachhaus! Nach diesem Motto stand am 2. Tag des Interludios das Stadtmodell mit dem oben beschriebenen Bausatz für eigene Raumkompositionen zur Verfügung. Es entstanden in einer Art Jam Session verschiedene Raumvariationen, deren Entstehungen von den Umstehenden interessiert verfolgt wurden. Einige „Komponisten“ erläuterten auch ihre Ideen, so entstand z.B. eine kleine Konzerthalle, in Muschelform die sich zum Marktplatz hin öffnet oder ein Sendeturm mit Plattformen, „von wo aus in die gesamte Welt gefunkt wird“. In unüberschaubaren Variationen wurden auf diese spielerische Weise die Möglichkeiten des architektonischen Komponierens erprobt.

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Ausblick

Das Spektrum der eingereichten Arbeiten zeigt eine interessante Ideenlandschaft – genauso, wie  es sich die Auslober des „Volkswettbewerbes“ vorgestellt hatten. Ein großer Raum an  Möglichkeiten hat sich eröffnet, der das Zeug hat, zu einem Inspirator für ein neues Bach-Monument zu werden. Nun kommt es aufs Weitermachen an. Ob der historische Erbprinz wieder errichtet wird oder ein neues Bachhaus aus der architektonischen Avantgarde der Gegenwart erwächst – das wird die Zukunft zeigen. Jede Lösung sollte sich aber dem Genie des großen Komponisten öffnen. Auf diesem Wege war es gut, zur Probe ein Bachhaus zu komponieren.

Prof. Dr. Olaf weber und Julia Heinemann für den Wettbewerb „ein Bachhaus komponieren“
Prof. Myriam Eichberger für den Verein „Bach in Weimar“ e.V.
Weimar, Juli 2015

Das Bauhaus ist alt, es ist Geschichte

Die wieder aufgeflammte Debatte um das neue Bauhausmuseum betrifft nur einen kleinen Problemteil. Die von der Architektin vorgesehene Verlegung des Gebäudes von der ehemaligen Minol-Tankstelle hin zum Weimarhallenpark hat den Sinn, den Kubus durch die Nähe zur Weimarhalle und ihrem Park aufzuwerten. Ob dafür die Erhöhung der Kosten und die Verschlechterung der Verkehrsverbindungen hingenommen werden sollten, will ich nicht beurteilen.

Doch möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass das eigentliche Problem des Entwurfes woanders liegt, nämlich in seiner geistigen Haltung. Der fast 100 Jahre alte Avantgardismus des Bauhauses ist im vorliegenden Entwurf nicht zu einem zeitgenössischem weiter entwickelt worden . Doch diese Anstrengung wäre wegen der Verpflichtung Weimars nötig gewesen, einen Teil der Schuld bei der Vertreibung des Bauhauses wieder gut zu machen. Ein solcher Anspruch war nicht Gegenstand der Ausschreibung, so will ich auch der Architektin keinen Vorwurf machen. Nun stellt das Haus einen großen Behälter für Bauhaus-Relikte dar, ist aber kein programmatischer Selbstausdruck einer Architektur, die technisch, funktional und ästhetisch in die Zukunft weist. Das Bauhaus ist alt, es ist Geschichte. Da hat Weimar wieder etwas verpasst.

Prof. Dr. Olaf Weber

Veröffentlicht in: Thüringer Landeszeitung vom 26.11.2013

Inspiration für ein neues Bachhaus (2012)

Inspiration für ein neues Bachhaus
Offener Brief an die Mitglieder des Vereins „Bach in Weimar“

1. Das Verfahren

Die Erwartungen an ein neues Bachhaus in Weimar sind groß. Doch welche Werte soll es verkörpern, welche Gestalt soll es erhalten und vor allem: Wie können wir zu einem Ergebnis kommen, das dem großen Bach gerecht wird?

Auf dem Architekturforum, das im Rahmen der Bach-Biennale 2012 stattfand, sagte jemand den Satz „Die Kunst ist nicht demokratisch“. Hintergrund dieser Aussage war die Frage, welchen Einfluss die Öffentlichkeit, namentlich der Verein „Bach in Weimar“ und die Stadt Weimar auf den Gang der Ereignisse hin zu einem neuen Bachhaus hätten. Der oben genannte Satz hat in diesem Zusammenhang eine demotivierende Wirkung, ihm muss deshalb widersprochen werden. Weiterlesen

Die Ideen sind frei Manifest (2012)

Die Ideen sind frei!
– Ein Manifest für die Stadt –

Ein großer internationaler Wettbewerb für das Neue Bauhausmuseum in Weimar erbrachte über 530 Einsendungen aber – nach dem Durchgang der Jury – keinen überzeugenden 1. Platz. Das Ergebnis dieses Verfahrens spiegelte vor allem nicht die historische Bedeutung des Bauhauses als Avantgarde und wurde von vielen abgelehnt. Die Initiative „Volkswettbewerb Neues Bauhausmuseum“ wollte die standardisierte Herangehensweise in Frage stellen und schaffte es, dass innerhalb von wenigen Tagen über 25 teilweise sehr originelle Ideen aus der Bevölkerung eingebracht wurden. Im Nachklang zu diesem Widerspruch zwischen dem Konservatismus des offiziellen und der Frische des improvisierten Wettbewerbes ist das folgende Manifest entstanden. Weiterlesen

Eine Spur gelegt. Das Resümee (2012)

………………………………………………………………….….……… Eine Spur gelegt
Das Resümee zum Volkswettbewerb Neues Bauhausmuseum Weimar

Walter Gropius: „ Das Ziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau“.
Hannes Meyer: „Bauen ist eine öffentliche Angelegenheit“.

Was war passiert? Ein großer internationaler Wettbewerb für ein Bauhausmuseum in Weimar erbrachte über 530 Entwürfe und keinen einzigen, der dem Klassiker und Avantgardist der Moderne gerecht geworden wäre – jedenfalls nach den 27 Arbeiten zu urteilen, welche die Jury ausgewählt hatte und aus deren Mitte auch kein 1. Preis hervorging. Weshalb hat der gewöhnliche Architekturbetrieb versagt? Wahrscheinlich bestand der Hauptgrund in einer mangelnden Einstimmung aller Beteiligten auf die Symbolkraft einer solchen Bauaufgabe. Es gab offensichtlich eine unzureichende architekturtheoretische und kulturhistorische Vorbereitung auf den Wettbewerb, außerdem zuwenig unkonventionelles, am Avantgardismus des Bauhauses geschultes Denken auf allen Seiten. Es war offenbar der geistige Humus nicht bereitet, auf dem ein solcher Wettbewerb hätte gedeihen können. Weimar hat außer einem touristischen Interesse keinen geistig-kulturellen Bedarf am Bauhaus angezeigt, der vielleicht sogar ein Wiedergutmachen wegen des historischen Rauswurfes der berühmten Schule hätte einschließen können. Weiterlesen

Aufruf zum Volkswettbewerb (2012)

Prof. Dr. Olaf Weber
Julia Heinemann

Aufruf zum „Volkswettbewerb Neues Bauhaus-Museum Alternative“

Der Architektur-Wettbewerb zum Bauhausmuseum hat viele Entwürfe hervorgebracht – und leider wenig Ideen. Das ist schade, denn Weimar braucht nicht nur ein irgendwie ansprechendes Gebäude, sondern ein solches, das einen historischen Dialog mit dem Bauhaus führt. Vor allem müsste es eine Antwort auf die Frage geben, wie sich heute Avantgarde definiert. Weiterlesen

Semprun hat einen besseren Platz verdient (2012)

Semprun hat einen besseren Platz verdient

Der Namensänderung des keineswegs glücklich gewählten „Weimarplatz“ in „Jorge-Semprun-Platz“ kann ich nichts Gutes abgewinnen. Dieser Ort ist immer noch durch seine Auftraggeber, durch den ursprünglichen Verwendungszweck als „Gauzentrum“ und durch seine Blut-und-Boden Architektur gekennzeichnet Der einzige Name, der zu ihm passte, war wohl der von Adolf Hitler. Zu ihm passt der städtebauliche Molloch und die hässliche Architektur, zu keinem anderen. Auch für Karl Marx war zu DDR-Zeiten dieser Ort eher eine Beleidigung als eine Ehre. Ich habe mich als junger Architekturstudent vor deser Architektur immer geekelt, jetzt ist es nicht mehr ganz so schlimm, wie man sich eben gewöhnen kann. Aber Semprun hat einen besseren Ort verdient, er würde wahrscheinlich diesen aus einer Landschaftszerstörung hervorgegangenen Unort als Träger seines Namens selbst ablehnen. Suchen wir also für den Platz einen besseren Namen und für Sempruns Namen einen besseren Ort.

Prof. Dr. Olaf Weber
Veröffentlicht in: Thüringer Allgemeine 28.01.2012

Das Schießhaus. Lebens-Kunst über Weimar (2010)

Das Schießhaus
Lebens-Kunst über Weimar

Ein außergewöhnliches klassizistisches Gebäude in Weimar und seine neuerliche Verbindung mit Geistes-, Sinnes- und Lebenslust, also eine Nutzung, die – ähnlich den antiken Thermen alle Künste und Lebenskünste vereint – das soll hier vorgestellt werden. . Das sogenannte „Schießhaus“ hat durch seine stilistische Nähe zu Palladio, aber auch durch Goethe, der seine Entstehung interessiert beobachtete, eine ausdrückliche Beziehung zur Antike. Die antike Welt wiederum könnte dem Schießhaus in ihrer historischen Symbiose von körperlichen und geistigen Genüssen einen neuen Inhalt geben. Es ist eine erstaunliche Übereinstimmung der historischen und ästhetischen Qualitäten des „Schießhauses“ mit der Idee einer auf den Künsten basierenden Lebensphilosophie festzustellen. Ein wunderbarer historischer Ort und ein neuerlich herangereiftes Lebensgefühl fügen sich fast passgerecht zusammen. Weiterlesen