Archiv des Autors: Olaf Weber

Über das Geistige in der Architektur

Die Transkription des Bauhauses in ein Museum

von Olaf Weber

Ein Gebäude besteht neben Stein, Holz, Stahl und Glas auch aus rhetorischen Figuren. Wenngleich die Häuser massiv und dauerhaft sind, so ist doch Architektur vor allem etwas Labiles und Immaterielles. Ein Haus kann zu uns sprechen. Und wir können das zu Stein gewordene Geistvolle genießen und wiederum interpretieren.

Das geht so weit, dass die massiven Balken und Pfeiler, Treppen und Kellergewölbe verhindern müssen, dass schöne Architektur zur Poesie wird. Die Stadt ist ein Text, der in seiner Omnipräsenz einen vergänglichen Raum in einer unnatürlichen Sprache artikuliert. Schauen wir uns an, welchen Text das Bauhaus-Museum spricht.

Realität. Die ästhetischen Beschlüsse der Architekten sind oft isoliert, fremdbestimmt und marginalisiert. So hat nicht die Architektin Heike Hanada, sondern haben die Beschlüsse der Finanzausschüsse, die Autoren diverser Rechnungen und Paragraphen, natürlich auch eine Jury und die herrschende Baukultur und vor allem der geistig-kulturelle Zustand Weimars die Fundamente des Bauwerkes gelegt.

Vor diesem Anspruch und Hintergrund betrachten wir nun die Ideengeschichte des neuen Bauhaus-Museums in Weimar, zunächst durch einen kurzen Rückblick auf die Geschichte einer langwierigen Planung, wobei leider ein permanenter Mangel an konzeptionellem Vorlauf auffällt. 

Verortung. Seit der Wiedervereinigung war klar, dass Weimar ein (neues) Bauhaus-Museum braucht. Als aber plötzlich (20 Jahre danach) eine Finanzspritze aus Berlin kam, traf diese die Stadt, die Klassik-Stiftung und die Bauhaus-Universität völlig unvorbereitet. Danach wurde fast ausschließlich über einen möglichen Standort diskutiert.

Am Gründungsort hatte die Uni keine Reservefläche für das Museum bereit gehalten, so dass abstruse Vorschläge aufkamen, zum Beispiel die inzwischen unter Denkmalschutz stehende DDR-Mensa abzureißen oder dem Museum für das Staatliche Bauhaus ein teilprivatisiertes Museum am Hotel „Elephant“ zu verordnen (Public-Private-Partnership). Die Klassik-Stiftung als künftiger Nutzer wollte einen zentralen Ort am Zeughof, damit die Besucher beim Stadtrundgang das Bauhaus-Museum auf keinen Fall verfehlen. Der Stadtrat favorisierte aber im Interesse des Stadtganzen einen Standort abseits der klassischen Zentren. Damit wurde der Überkonzentration des Tourismus auf das mittelalterliche Stadtzentrum durch ein Ausweichen auf seinen Rand klug entgegen gewirkt.

Das bedeutete, dass die Gestalt des Neubaus nicht mehr dem ästhetischen Anpassungsdruck des historischen Kontextes ausgesetzt war. Nun war die Gestalt des künftigen Museums wieder offen. Doch am Rande des Weimarhallenparkes wurde das Wesentliche des Standortes offenbar: Das Bauhaus-Museum musste eine Antwort auf die politisch herausfordernde Sprache des „Gauforums“ finden.

Das Geistige. Nun stellte sich heraus, was nicht stattgefunden hatte. Es fehlte eine ausführliche Diskussion um den Sinn eines solchen Museums, um  den geistigen Gehalt des Bauwerkes, um den Typus, um die Symbolkraft, um Ausdruck und Wirkung des neuen Gebäudes. Die Frage nach dem architektonischen Typus hätte die Diskussion belebt und bewirkt, dass der Geist des Bauhauses oder seiner Neugeburt doch noch Gegenstand des architektonischen Diskurses geworden wäre.

Der Bauherr hatte seine Vorstellung vom Museum und sein ästhetisches Credo nur ungenügend definiert. Im Ergebnis eines Wettbewerbes von 2011/12 wurden 536 Entwürfe aus aller Welt eingereicht, die in den meisten Fällen dem Text der Ausschreibung folgten, aber wenig dem Anspruch des Bauhauses entsprachen.

Sollte der Neubau ein möglichst unspektakulärer Sachbau werden, sollte er in seinem Habitus an die Moderne der 20er Jahre erinnern, sollte er unsere heutige Zeit ausdrücken oder gar einen Blick in die Zukunft wagen, wie es seinerzeit das Bauhaus versuchte? Letzteres hätte eine Diskussion über den Avantgardismus heute oder über die Zukunft in unserer Gegenwart erfordert. Es hätte eine Transkription des Bauhaus-Experiments in eine gegenwärtige Utopie bedeutet. Das waren offene und unbeantwortete Fragen an Weimar.

Die Ästhetik. Das Bauhaus verstehen heißt, das Bauhaus neu denken. Gropius hatte damals die erreichbaren progressiven Tendenzen seiner Zeit aufgegriffen und ihnen ein Programm und einen Namen gegeben: Bauhaus. Das Bauhaus wollte den Schwulst der Kaiserzeit durch eine sachliche Gestaltung vernichten. Aber die Reduktion auf elementares Gestalten war nur der Anfang, Ziel war der Aufbau einer neuen Grammatik, einer neuen architektonischen Formensprache. Dieser Versuch war aus historischen Gründen abgebrochen und nie wieder im Geiste des Bauhauses aufgenommen worden. Heute wäre das Bauhaus natürlich allen technischen Neuerungen offen. Es würde mit dem digitalen Potential experimentieren und neue ästhetische Körper, Räume und Oberflächen produzieren. Der „White cube“ war lediglich eine Folie, in der sich die Experimente spiegeln konnten.

Öffentlicher Disput und Mitbestimmungsmodelle. Die Demokratisierung der Gesellschaft war 1919 in eine neue Phase getreten, in die Weimarer Republik. Am Bauhaus wirkte sich die Novemberrevolution von 1918 durch eine soziale und internationalistische, auch weibliche Orientierung aus, aber noch nicht durch eine breite Demokratisierung des Produktionsprozesses von Architektur und Design. Direkte Demokratie und Mitbestimmungsmodelle spielten damals keine Rolle, sie wären aber heute in der Planung eines Museums dieser Avantgarde unbedingt nötig gewesen, damit zunächst ein historisches und philosophisches Modell, später ein architektonischer und künstlerischer Entwurf hätte gelingen können.

Der ökologische Aspekt. Bei Gründung des Bauhauses schien das Verhältnis des Menschen zur Natur noch in Ordnung zu sein. Die natürlichen Formen sollten damals mit den Abstraktionen der Artefakte vor allem eine ästhetische Balance bilden. Es ist keine Spekulation zu behaupten, dass das Bauhaus heute ein Ort des ökologischen Radikalismus wäre. Es wäre deshalb eine selbstverständliche Vorgabe gewesen, den Erinnerungsort an diese Avantgarde als Null-Energie-Haus zu konzipieren. 

Der politische Standort. Das Bauhaus wurde schon bald nach der Gründung von einer kleinbürgerlichen Schicht mit volkskonservativen und nationalistischen Parolen vertrieben. Die Rolle einer Avantgarde für das immer wieder sich erneuernde Weimar wurde von diesen Kräften völlig verkannt. Aus diesem Denkraum könnte der Eindruck entstehen, dass das Bauhaus nach einem Alterungsprozess von 100 Jahren endlich nach Weimar zurückkehren darf – nun aber als Wirtschaftsfaktor der Tourismusbranche. Diesem Eindruck muss durch anhaltende Akte der Wiedergutmachung entgegengewirkt werden.

Der Standort des neuen Bauhaus-Museums verortet den historischen Kontrast zum Nationalsozialismus unmittelbar. Das Museum befindet sich in direkter Nachbarschaft zur autoritären Herrschaftsarchitektur des „Gauforums“. Aus dieser Nähe entstand die Notwendigkeit, den historischen Sieg der Moderne über die NS-Architektur ästhetisch zu interpretieren – die vielleicht schwierigste Herausforderung des Standortes. Ich komme gleich noch einmal darauf zurück.

Resümee. Konnte man erwarten, dass ein Museum, das 100 Jahre nach der Gründung des Bauhauses geplant und diesem gewidmet ist, das Bauhaus quasi in seine Zukunft, also in unsere Gegenwart hinein fortsetzt? Ja, es wäre möglich gewesen und das Bauhaus verlangt aus meiner Sicht nach einer experimentellen Architektur als Hülle für seine avantgardistischen Ideen und Relikte.

Aber die von Staat, Stadt und Stiftung gebildeten Voraussetzungen für ein Bauhaus-Museum waren trotz rasanter globaler Umbrüche eher konservativ. Die Architektin hat einen soliden Entwurf geliefert, dessen Reize und Qualitäten wahrscheinlich in der inneren Raumgestaltung liegen. Die ausgestellten Zeugnisse programmatischer Ideen und 100-jähriger Erfindungen dominieren aber klar über die bauliche Hülle, die aus einem sauberen Baukörper mit einer schönen Schriftbanderole und einem postmodernen Portal besteht.

Weimar ist um eine Attraktion reicher. Aber der Entwurf für einen so hohen Zweck hätte Weimars kulturelle Tradition und seinen Erneuerungswillen herausfordern müssen. Um das zu verdeutlichen, will ich doch einmal – entgegen allen Gepflogenheiten – das Urteil der Jury ignorieren und auf einen vergessenen Entwurf zurückschauen, der die Gelegenheit bietet, über Architektur in einer Höhe zu philosophieren, der unserem Thema angemessen wäre.

Es ist der Wettbewerbsbeitrag von Zaha Hadid, einer weltbekannten und hoch dekorierten Architektin. Ich greife ihn heraus, weil er das Bauen der 20er Jahre technisch und ästhetisch weit übersteigt und zugleich zur Nazi-Architektur den größtmöglichen Abstand hat. Deshalb könnte er am besten ausdrücken, was Avantgarde an diesem Standort bedeutet. Ihre Arbeit hat wenig Beachtung gefunden, obwohl ihr radikal-moderner Entwurf den stärksten Ausdruckswert besitzt und in seinem spielerischen Habitus eine doppelte Innovation enthält. Es ist die freieste Avance an das Bauhaus und zugleich die kühlste Absage an den Bierernst des benachbarten monströsen „Gauforums“. Hadids Entwurf dominiert über das Gauforum nicht durch Höhe, sondern durch den größtmöglichen Kontrast zu ihm: durch Heiterkeit und Lebendigkeit. Eine allseitig gewölbte und fließende (parametrische) Kunstform mit ökologisch interessanten Lichtschächten – vielleicht gepaart mit den optisch-kinetischen Apparaten des ungarischen Bauhäuslers Moholy-Nagy. Und dieser Entwurf hätte vielleicht nach erneuter Überarbeitung im Dialog mit dem Geist von Gropius einen Bilbao-Effekt haben können, also zur exklusiven Hülle für einen exklusiven Inhalt werden können.

Nach dem offiziellem Wettbewerb und dem fehlenden 1. Preis gab es in Weimar noch einen bemerkenswerten Impuls: Ein Volkswettbewerb zum Bauhaus-Museum und ein diesbezüglicher Aufruf: „Die Ideen sind frei. Ein Manifest für die Stadt“. Innerhalb von 10 Tagen wurden aus der Bevölkerung 25 unkonventionelle Ideen für ein Bauhaus-Museum eingereicht. Es zeigte sich, dass so genannte Laien erstaunlich frische Bilder für Bauwerke entwickeln können. Es gibt offensichtlich eine Kraft des Dilettantismus, die in den Frühphasen eines Entwurfes helfen könnte, manche Denkschablonen des Systems „Architektur“ zu überwinden. Die Initiatoren des Volkswettbewerbs versuchten mit dieser unkonventionellen Aktion ein Moratorium zu erreichen, um unter kühneren Prämissen neue Denkansätze für das Bauhaus-Museum zu initiieren, leider zu spät und ohne Erfolg. Aber auch das gehört zur Erzählung über das Geistige in der Architektur.

Weimar, Januar 2019

Veröffentlicht in: Palmbaum, Heft 1, 2019 (Heft 68)

Der 42. Kongress 2009 – 2011, Videodokumentation

42. Kongress des Absurden – 2009 – Eroeffnungsperformance from Olaf Weber on Vimeo.

42. Kongress des Absurden – 2009 – Performances from Olaf Weber on Vimeo.

42. Kongress des Absurden – 2010 – Eroeffnungsperformance from Olaf Weber on Vimeo.

42. Kongress des Absurden – 2010 – Performances from Olaf Weber on Vimeo.

42. Kongress des Absurden – 2011 from Olaf Weber on Vimeo.

Der 42. Kongress – Ein Podium des Absurden

Über dem „42. Kongress“ schwebt die verquerte Welt in ihrer Absurdität.
Das Credo dieser Veranstaltung ist es, diesen menschgemachten
Zustand zu vermessen und abzubilden, sie letztlich mit einem größeren
und geistvolleren Absurden zu konfrontieren. Das ist ein vitales
Fest, es will ein Podium und offener Raum für unkonventionelles,
alogisches, also vielleicht richtiges und hintersinniges Denken und Handeln
sein. Es kann zu allem werden – zum spontanen Gag oder zur
durchformulierten künstlerischen Aktion.
Die offene Bühne des 42. Kongresses fasst alle Gesänge, Sprachen
und Medien. Bilder aller Dimensionen, Texte, Sounds und natürlich
Bewegungen, Aktionen und Performances überlagern sich zu langsamen
und wilden Collagen, die eine Nacht lang gelten.
Der Nonsens ist kein Nicht-Sinn, er ist nicht sinnlos. Die absurde
Aussage ist eine real mögliche Antwort auf Wirklichkeit. Der Zweiundvierzigste
widerspricht als Vollzug dieses Absurden der herrschenden
Logik des gefügten Systems, also dem ungesund gewordenen Menschenverstand.
Absurdes kann durch „Gehen bis an den Rand, durch
letzte Konsequenzen“ (Albert Camus) zum erhellenden Denken zwingen
oder überhaupt eine Sache auf die Füße stellen. Das Absurde ist
damit identisch mit dem Rigorosum der zeitgenössischen Kunst und
letztlich auch der Aufklärung.
Am 42. Kongress teilnehmen heißt, dem gesponserten Mainstream
die eigene, non-konforme Aktion entgegenzusetzen. Das Absurde ist
sowohl eine regelhaft betriebene Sinnverweigerung, als auch eine alogische
Sinnstiftung. Die anarchistische Welt des Nonsens enthält auch
Ordentliches, zum Beispiel Stilbrüche und verkehrt verwendete Muster,
sie generiert Wirklichkeiten, die außerhalb der gewohnten Zeichenwelt
existieren. Übliche, also unübliche Mittel des Nonsens sind
aberwitzige Collagen, paradoxe Verwerfungen, Aporien, leere Metaphern,
überraschende Notationen, misslungene Makros, Käfer, usw.,
82 Titelthema
also das ganze disparate Chaos ästhetischer Ordnungen, nicht zu vergessen
das Komische des Absurden.
In drei aufeinander folgenden Jahren gab es drei 42. Kongresse. Sie
hatten unterschiedliche Titel. 2009: Absinth – Die Gurken. 2010 hatte
er eine aktionistische Beifügung: Absinth – die Gurken – Der Putsch.
2011: Die Schwäche am Menschen.
Ort des Geschehens war zunehmend das gesamte Hauptgebäude
der Bauhaus-Universität. Die Teilnehmerzahl erhöhte sich im Laufe
der Jahre von 150 auf 500 Personen, wobei jeweils ein Viertel der
Teilnehmer auch Akteur war. Der absurde Kongress gewann überregionale
Bedeutung. Jedoch scheiterte die Vorbereitung weiterer 42.
Kongresse im Sommer 2011 an der Leitung der Fakultät Gestaltung,
welche dieses unfassbare und sichtbare Monstrum nicht mehr unterstützen
wollte. Alle anderen empfanden es aber als eine heitere und
abschüssige kreative Kraft in der Tradition der Bauhausfeste und der
DADAistischen Internationale.

  1. Kongress. Absinth – Die Gurken

Performance von Olaf Weber zum am 05.02.2009 im Oberlichtsaal
der Bauhaus-Universität Weimar
Weber wird mit einer großen Pauke vor dem Bauch in den Oberlichtsaal
geführt. Er trägt eine Sonnenbrille, auf dem Kopf ein Drahtgestell mit
einem Vogel, daran sind seitwärts zwei kleine Lampen befestigt, die an
einem Stab herunter hängen und direkt seine Ohren beleuchten. Er setzt
sich auf einen großen Gummiball und schlägt unrhythmisch – statt auf
das Fell – auf das Metallgehäuse der Pauke.

Das Mondgesicht
das blöde Oberlicht das Oberlicht !
das romantische – Nicht !
das Hoppla hoppla hoppla (springt auf dem Ball)
Die Entgeisterung des Weltenstaubes
die Entstaubung des Hyazinthes
die Verkörperung rückwärts des Nichts des A
des dreifachen A A A
des Anke Andrea Angela
des A des O
des A und O
des O des W des Endes des O des W des O W.
Ja die
botanischen Instrumente der Generäle
die Naturreligionen der politischen Pannen
die riesigen Schaufeln der Elche
die 5,50 Meter großen Schaufeln der Elche.
für Palästina. für Raum
für Rums. für Raum für Rums für Raum.
Für Rums.
Ja die Fakultät
die Nonsens, das Hui-ja Hui-ja, nicht versteht
auch ein Dekan – man siehts ihm an
Doch das entfesselte Design
und die Kunst, das schöne Bein.
Und der ganze Gurkenverein
Ja die
Spesen gewesen Besen,
ja das Lesen
Ja das ja das
reiben bleiben schreiben
Ja das Schreiben und das Lesen ..

(Weber singt das bekannte Lied aus dem Zigeunerbaron)

Ja das Schreiben und das Lesen
sind nie mein Fall gewesen,
denn schon von Kindes Beinen
beschäftigt mich mit Schweinen.
Auch war ich nie ein Dichter
Potz Donnerwetter – Parafly.
war immer Schweinezüchter
Poetisch war ich nie.

Weber: Der 42. Kongress. Ein Podium des Absurden

84 Titelthema Olaf Weber: Der 42. Kongress. Ein Podium des Absurden

mein idealer Lebenszweck
ist Borstenvieh
und Schweinespeck,
mein idealer Lebenszweck
ist Borstenvieh und Schweinespeck!

O.W. fällt vornüber auf seine FDJ-Pauke. Er richtet sich nochmals auf:

Es lebe der 42. Kongress. Absinth – Die Gurken.
Sich noch mal mühsam aufrichtend:
Das Buffet, die Toiletten, die neue Weltordnung
sind eröffnet.
Der 42. Kongress. Absinth – die Gurken – Der Putsch

Performance von Olaf Weber, Franciska Braun, Michael von Hintzenstern
und einem Chor am 2. Februar 2010

Das Treppenhaus im Hauptgebäude der Bauhaus-Universität Weimar.
Im Foyer des 1. Obergeschosses ist ein ca. 3 x 3 Meter großes und 80
cm hohes Podest aufgebaut, die Zuschauer drängen sich auf dem Foyer,
den breiten Treppen und Fluren.
Vom 2. Obergeschoss steigt langsam und völlig rückwärts laufend
die Sängerin Franciska Braun die große geschwungene Treppe herab.
Sie hat einen Hut mit breiter Krempe auf dem Kopf, der es ihr nur
erlaubt, nach unten –zu schauen. Um Brust und Bauch ist eine Bettdecke
aus schwarzem Damast gewickelt – sehr vornehm und skurril. In
ihrem experimentellen Gesang benutzt sie Lieder, die sie im Dialog
mit dem Chor, dem Harmonium und dem gesprochenem Text verfremdet.
Operngesang und abstrakte Geräusche purzeln in allen Varianten
die Treppe herab. Zwischendurch nascht sie Süßigkeiten.
Neben dem Podest steht ein kleines Harmonium, vom dem aus
Michael von Hintzenstern einen Chor dirigiert. Der Chor singt nicht
eigentlich, sondern erzeugt die verschiedensten Geräusche – mit dem
Mund, den Händen und Fingern. Es entwickelt sich ein musikalisches
Sprachgewirr, das auch rhythmische und stilistische Figuren hervorbringt.
Hintzenstern trägt ein Huhn auf dem Kopf, die Chormitglieder
sind teilweise auch kostümiert.
Olaf Weber, sonnenbebrillt, tritt an die Szene. Er trägt einen Stuhl
ohne Sitzfläche umgeschnallt vor dem Bauch und auf dem Kopf eine
Krone aus Drahtgeflecht, von der auf beiden Seiten kleine Lämpchen
herunterhängen, die waagerecht seine Ohren beleuchten. Mühsam
erklimmt er das Podium und beginnt mit nach oben gestreckten Armen
seinen Vortrag „Das Treppenhaus muss raus!“… In den drei Unterbrechungen
seiner Rede nehmen jeweils Chor und Sängerin ihren
musikalischen Disput verstärkt auf, während Weber mit umständlichen
Gesten und dem Versuch, sich auf seinen umgeschnallten Stuhl
zu setzen, immer wieder scheitert. Der letzte Teil ist ein Frage-Antwort-
Spiel mit dem Chor, das wiederum durch den Gesang der Sopranistin
überschrieben wird.

Die drei Vorstellungen – des Redners, der Sopranistin und des Chors
– sind sowohl simultane und rücksichtslose Aktionen als auch improvisierte
Teile der gemeinsamen Eingangsperformance des Kongresses.

 

1.

Das Treppenhaus muss raus
die Schiffe – sie kleben an den Wänden
die kleinen öffentlichen beklebten Häuser, beklebt
Nashörner kleben an ihrem Horn angeklebt
Die Schiffe – kleben an ihrem Untergang
Der Neoliberalismus ist ein Huhn von unten.
Es gibt Effizienzkriterien für die Güterproduzierenden die nichts
und taugen,
und über-haupt-nicht für Universitäten und so was.
Niemals dieser ökonomischen Logik nichts ist, aber –
Nonsens erhellt die Welt
Nonsens erhellt die Welt mit einer Lampe
mit einer Lampe aus Eisen
mit einer Lampe für die Geschlechter
mit einer undurchsichtigen Lampe für die Kohle
Mit einer undurchsichtigen Lampe aus Klarheit für Nächstenliebe
für Busen und Po
Nonsens ist Lampe
Nonsens beleuchtet den Untergang aller Lampen

86 Titelthema

 

2.

Nasen springen immer wieder auf Nasen
auf die vergoldeten Hasennasen des Joseph Beuys seine Nase
– gespringt
auf den Jonathan Meese seine Neese – gespringt
auf den Schlingensief seine halbtote zerfaserte Nase
rettet Schlingensief! vor seinem Totensarg
vor seinem ewigen Scheitern an der Kante zum Sprung auf
die Gurken
die Schurken sind wieder Gurken
Die Gurken sind wieder Schurken
Scheiß keine Reime!
Es klebe die Anarchie – Putschi Putschiputschi
Der Putsch des Schönen ist der Frieden der Dinge
Der Putsch des Mammons ist Verbrechen an euren Mündern
Revolte aber ist Nashorn ist Nase ist Nonsens ist Lampe

 

3.

Seien wir realistisch
fordern wir das Unmögliche. Chef. Che
vergesst das Kino der Banker
Glaubt nicht an alkoholfreies Weihnachten Ostern erster Mai
Muttertag Tag der Reinheit
vergesst die Illusionen mittels vergeistigter Löcher im Kopf Läuse
Schminke
verprügelt die falschen Hoffnungen mittels von Kopf auf die
Füße gestellt
Entkleidet Prinz Michael von Sachsen-Weimar mittels Nackt-Scanner!

 

4.

(Als Dialog mit dem Chor, der antwortet „Ja, wir sehen, hören es“)

Fühlt ihr den Wahnsinn des Treppenhauses
Seht ihr die dreidimensionalen Gurken an der Lunte des Glücks
Seht ihr den Absinth wie er kommt als Rettung für eure Rettung
Spürt ihr wenn ich so wackle
Spürt ihr wenn ich so zapple
Seht ihr das Huhn des Neoliberalismus über euch fliegen
Seht ihr den nassen Klecks, der herunter fällt
Seht ihr den Klecks auf meiner nackten Schulter
(zeigt auf seinen Hintern)
Seht ihr den Klecks wie er privatisiert und philosophische
Wahrheit wird
Seht ihr den hilflosen Rektor mit seinen Armen
Spürt ihr den weichen zarten warmen Bauch des Nashorns über Euch
spürt ihr seinen Nasenkuss
Seht ihr den Kitsch in den Kochtöpfen den Betten Suppen Gefühlen
Soll ich weitermachen
Seht ihr die Strategie ins pralle Nichts
Seht ihr die gestrichenen vollen Hosen der Repräsentanten die ab
und zu ein Bein heben
Seht ihr die Zuhälter der Kisten der Luft
Seht ihr die keine Demokratie in Deutschland Freiheit
Erkennt ihr die Stoßrichtung des Papstes nicht
Seht ihr immer noch wie ich wackle und zapple
Seht ihr das Verbrechen an der keinen Kunst und Watte Schneewittchen
und Dornröschen damit sie mit keiner Idee schwanger zu
haben hause – sind
Seht ihr das: Das schwache Geschlecht ist auch nur Lurch und Gurke
Seht ihr hören die singende Nachtigall Franciska Braun, die gerade
aus dem Bett hierher kommt
seht ihr den Michael von Hintzenstern mit seinem komischen
Ammonium, das überhaupt nicht hierher passt?
seht ihr den absurdesten Stino-Chor der Saison auf dem Höhe
punkt seines musikalischen Unterganges
Der 42. Kongress Absinth – Die Gurken – Der Putsch“ ist eröffnet.

(Der Chor setzt sich schnalzend, knurrend und singend in Bewegung und
weist damit den Weg zum Oberlichtsaal, wo weitere Aktionen stattfinden)
Weber: Der 42. Kongress. Ein Podium des Absurden

88 Titelthema

  1. Kongress. Die Schwäche am Menschen (2011)

Eröffnungsperformance von Olaf Weber

Das Foyer im Erdgeschoss des Hauptgebäudes Bauhaus-Uni Weimar.
Weber steht auf halber Höhe der geschwungenen Treppe. Vor ihm ein
senkrechtes Banner mit der Aufschrift Der 42. Kongress. Das Absurde hat
nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet (Albert
Camus). Drei komische Vögel stören durch Singen und Rufen die Rede.

Verehrte,
Nun schon zum dritten Male,
Die Freiheit siegt über ihre ewigen Ankündigungen.
Unsere Berechnungen sagen, dass heute der einzige Tag ist, an dem
die Büroklammern nicht den Gewissheiten folgen, die Gauner nicht
dem Gaunern, die Hemden und Hosen nicht den Surrealisten, den
Socken.
Die Uni ist ein Handapparat von oben …, von nitschewo von da
und dorthin da Du d dö dö (Gesang)
Die GeistesKästen klemmen. Die Geldsäcke hängen und schwämmen
– und klemmen auch und saufen.
Herrschaftslogik krummes Huhn des Eies Zweckes. Nichts zu tun.
Herrschaftslogik dummes Tun, Schneewittchen Leute Rotikäppchen
Huhn. Die sogenannte Kreativität ist die Zwangsjacke am Papagei am
Käfig seinen Handschuhen Hindurch.
Wir brauchen den Nonsens wir lieben das Absurde. Die Axt des
erhellenden Denkens.
Aber die Schwäche am Menschen ist auch kalter Kaffee.
Wir machen einen Kongress über die Schwäche am M.
Die Schwäche am M am am Mu am Mu Mu mu. Mubarak macht
schlapp hau ab.
Unsere multiamorösen Wissensaftler und Kunstler marodieren auf
drei Etagen, sie suchen es sie stampfen. Sie werden es hinsetzen. Sie
werden es gelingen die Mützen und Stühle am Schwäche.
die Mützen und Stühle am Schwäche
die Mützen am Schwäche
Der 42. Kongress 2011 Die Schwäche am Menschen ist da! ist eröffnet.

 

Es folgt das Eröffnungskonzert mit dem Ensemble Hochmodern.
Dirigent Max Wutzler.

 

von Olaf Weber

Veröffentlicht in: Palmbaum 1/2017, Seiten 83 bis 91

“Solidarität, Nächsten- und Feindesliebe sind überlebenswichtig für die Menschheit“

25aus der Thüringer Landeszeitung vom 25.07.2017, ein Interview mit Prof. Dr. Olaf Weber von Gerlinde Sommer

Professor Weber aus Weimar will mit seiner Initiative erreichen, dass zum 1. Januar 2050 eine Welt ohne Waffen und Frieden für alle möglich wird

Olaf Weber, Jahrgang 1943 und gebürtiger Dresdner, setzt sich für Frieden ein. Der vormalige Professor für Ästhetik an der Bauhaus-Universität Weimar beschäftigt sich seit seinem Ruhestand ab 2009 zunehmend mit pazifistischen Argumenten. 2013 gründete er in Weimar „Welt ohne Waffen“. Jetzt legt er mit dieser Initiative den „Weimarer Friedensappell 2017“ vor.

Wer genau steht hinter diesem Appell, Professor Weber?

Die Initiative „Welt ohne Waffen“ aus Weimar. Sie ist eine Partei-unabhängige Diskussions- und Aktionsgruppe zur Förderung des Friedensgedankens.

Warum sammeln Sie keine Unterschriften?

Wir haben darauf verzichtet, Unterstützerlisten zu sammeln, weil wir kein kurzfristiges politisches Ziel verfolgen. Der Friedensappell will aufklärend wirken, er ist deshalb vor allem ein Aufruf, den Frieden wieder denken zu lernen.

Wie wollen Sie Bürger, Politiker und vor allem Unternehmer, die am Krieg verdienen, für Ihren Appell gewinnen?

Deutschlandweit sprechen wir die Bürger und Politiker durch die Medien und durch soziale Netzwerke an. In Weimar verteilen wir unsere kleine illustrierte Broschüre mit dem Titel „Abrüstung jetzt“. Wir drucken sie schon in zweiter Auflage. Zwischen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung und den meisten Politikern herrscht eine Kluft. Viele Menschen erleben mit Unverständnis und Wut die Welle einer neuen Aufrüstung. An den Politikern wäre es, nun endlich von der Konfrontation auf Kooperation umzuschalten und Sicherheit nicht durch Aufrüstung, sondern durch weltweite und kontrollierte Abrüstung und friedliche Mittel der Konfliktbewältigung zu schaffen. Die Rüstungsindustrie werden wir mit unseren Argumenten sicher nicht erreichen.

Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Was kennzeichnet Frieden? 

Das Schweigen der Waffen in Kriegsgebieten, die Reduzierung der Waffenexporte und das Abschmelzen der Atomwaffen wäre schon der halbe Frieden. Der ganze Frieden ist noch eine Utopie, aber eine solche, die nach unserer Meinung in 30 bis 40 Jahren erreichbar wäre. Nur Diktatoren brauchen das Militär zur Machterhaltung nach innen – und nach außen brauchen es nationalistische Regierungen zur Absicherung von Rohstoffen und Märkten. Alle anderen würden auf Militär gut verzichten können. Auch für die Abwehr von Terroristen sind Panzer und Kriegsschiffe völlig ungeeignet.

Wollen Sie das Schlaraffenland?

Frieden ist ein lebendiger Zustand des solidarischen Miteinander, zu ihm gehören auch Widersprüche und Konflikte, in gewisser Weise sogar Gewalt – und deshalb auch eine Polizei, welche vermeintliche Kriminelle und Terroristen vor Gericht ziehen kann. Selbst wenn der Frieden kein Schlaraffenland wäre, können wir uns aber angesichts der Schrecklichkeit der heutigen Waffen und der riesigen Probleme, die zu bewältigen sind, keinen Krieg mehr leisten.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Die ersten Kriege im noch jungen 21. Jahrhundert hatten bereits über 1 Million Tote und die Destabilisierung ganzer Regionen zur Folge. Die militärischen oder geheimdienstlichen Interventionen in Afghanistan, dem Irak, Libyen, Syrien, der Ukraine u.a. fanden keineswegs im Auftrag der jeweiligen Völker statt. Sie schadeten massiv deren Gemeinwohl, lähmten deren Selbstheilungskräfte und reduzierten Entwicklungsmöglichkeiten. Nun kommen die Kriege in Form von Terrorismus zu den Interventionsmächten zurück. Die gegenwärtige Entwicklung lässt erwarten, dass die nächsten Kriege in den Hinterzimmern der Macht schon vorbereitet werden. Es ist für die Friedensbewegung nicht ausreichend, den militärischen Katastrophen nachzulaufen und dabei immer nur das schlimmste Leid lindern zu können.

Was müsste getan werden?

Besser als Nothilfen wäre eine starke Krisenprävention. Wir richten deshalb den Blick auf eine weltweite Friedenspolitik, in deren Zentrum keine gewaltsamen Interventionen und auch kein militärischer Schutz, sondern zivile Sicherheitsstrukturen und eine Vertrauen stiftende, weltweite Abrüstung stehen. Wir fordern von allen Regierungen das Menschenrecht auf Frieden zu achten.

Es klingt utopisch, wenn Sie eine weltweite Demilitarisierung fordern…

Aber die Hinwendung zum Frieden ist sofort und überall machbar. Wir brauchen eine politische Kehrtwende von der weiteren Zuspitzung der Krisen zu ihrer Entspannung, von der Konfrontation zur Kooperation und von der weiteren Aufrüstung zur kontinuierlichen und vollständigen Abrüstung. Nur eine solche „pazifistische Revolution“ macht auch kleine Abrüstungsschritte glaubwürdig. Selbstverständlich wird es den allgemeinen Frieden nicht schon morgen geben. Aber die vollständige und globale Demilitarisierung sollte ähnlich dem deutschen Atomausstieg mit einem Zieldatum verbunden werden. Wir halten es für möglich, dass zur Jahrhundertmitte der weltweite Abrüstungsprozess abgeschlossen sein kann, so dass der 1. 1. 2050 als erster Tag einer militärfreien Welt gelten könnte.

Was genau verbirgt sich hinter der Demilitarisierung?

Die Abschaffung aller Waffen und anderen Vorhaltungen zum Kriege, die Auflösung der militärischen Verbände und Kriegsministerien ist nur die äußere Seite der Demilitarisierung. Der Frieden beginnt im Kopf, er beginnt als Befreiung von konstruierten Feindbildern. In unser Denken und Fühlen, in unsere Sprache und Kultur hat sich Gewalt in verschiedenen Formen eingenistet. Wir sollten sie zusammen mit den Rüstungen und Waffen ablegen. Eine Kultur des Friedens, eine neue Streitkultur und Friedenslogik sind nötig. Abrüstung ist eingebettet in den Umbau unserer Weltordnung zu einem universellen Humanismus. Zum friedlichen Leben gehört eine neue Art des globalen Wirtschaftens, Verteilens und Lebens, die von einer ökologischen und sozialen Verantwortung getragen wird.

Gehen Sie und Ihre Mitstreiten davon aus, dass der Mensch im Kern kein Krieger sein will?

Der Krieg ist kein Naturzustand. Die Menschen sind immer zum Kriege getrieben oder verführt worden, immer aber wurden sie betrogen. Unsere Visionen bilden nur eine Hoffnung zum Frieden, sie sind noch nicht der reale Weg. Wir wissen aber, dass Frieden auch ein innerer Zustand des Menschen ist, der durch das Bestreben nach Ausgleich und Würde zu friedlichem Verhalten befähigt. Empathie, Solidarität  und Vertrauen, Nächsten- und Feindesliebe sind nicht nur friedensstiftende Fähigkeiten des Menschen, sie sind auch lebenswichtig, sie tun einfach gut.

Wer den Friedensappell unterstützen will, kann eine Mail schreiben an: kontakt@weltohnewaffen.de

Lesen Sie den kompletten Aufruf der Initiative unter www.tlz.de/friedensappell

Rede zur Eröffnung der Kampagne „Abrüstung Jetzt“

Rede zur Eröffnung der Kampagne „Abrüstung Jetzt“ in der Ausstellung Bertha von Suttner am 08.05.2017 im Hauptbahnhof Weimar

Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen erscheint. – Albert Einstein

Und wir haben eine wirklich gute Idee, das ist die Idee von einer Welt ohne Krieg. Diese Idee ist nicht neu, sie ist wahrscheinlich so alt wie der Schrecken der Kriege selbst. Und es gibt große Vorbilder wie unsere wunderbare Ausstellung über Bertha von Suttner zeigt. Aber die Menschheit hat sich in  einer Art geistiger Trägheit (oder Fremdbestimmung) daran gewöhnt, dass es Kriege gibt und geben wird. Jeder Mann und jede Frau hofft aber darauf, dass sie woanders stattfinden.

Gerade in diesen Wochen und Monaten brauen sich die Wolken neuer Konflikte zusammen und hören wir von neuen gewaltigen Rüstungsprojekten. Und  jede einzelne militärische Intervention und jeder einzelne Aufrüstungsschritt bringt nicht ein mehr, sondern ein weniger an Sicherheit und Frieden. Wir sind davon überzeugt, dass das Militär abgeschafft werden muss. Denn es wird Kriege geben, solange es Militär gibt.

Sorgen wir nicht nur für weltweite Abrüstung in den Kasernen und Arsenalen, sondern auch für die Abrüstung in unseren Köpfen, denn dort hat sich Militärisches in vielen Formen eingenistet. Wir haben wenig Kompetenz zum Handeln, aber wir haben die Kompetenz, Abrüstung und Frieden zu denken.  So können wir uns wenigstens geistig befreien – als Vorausleistung für wirkliche Abrüstung und Frieden.

Auf nur wenigen Seiten geben wir in unserem Friedensappell diese Denkanstöße. In der Vergangenheit sind kleine Abrüstungsschritte immer wieder durch neue Rüstungen vernichtet worden. Wir setzen deshalb aufs Ganze. Wir wollen die vollständige weltweite kontrollierte und kreative Abrüstung. Wir setzen ein Datum: Bis zur Jahrhundertmitte kann die Welt militärfrei sein. Der 1. Januar 2050 wäre dann der erste Tag eines globalen Friedens.

Wir bieten einen Aktionsplan, der die ungeheure Komplexität des Demilitarisierungsprozesses ahnen lässt. Unter 7 Kapiteln sind über 30 Stichpunkte aufgelistet. Die vielfältigen Probleme sollten uns aber nicht erschrecken, sondern ermutigen, an irgend einer Stelle anzufangen. Wahrscheinlich können selbst die kleinsten Teile dieses Planes nur unter enormen Aufwand durchgesetzt werden. Denken wir nur an ein solches Vorhaben wie, „Frieden als Schulfach“ in deutschen Schulen einzuführen.

Verehrte Damen und Herren, liebe Anwesende, nehmen Sie unsere kleine Anleitung zum Frieden mit. Helfen Sie dabei, das Militär loszuwerden. Schließen Sie sich uns an, Unterschreiben Sie den Weimarer Friedensappell.

Beginnen wir endlich mit Abrüstung und zwar: Jetzt!

Olaf Weber

Dringlicher Strategiewechsel in Syrien

3Der Westen hat  im vorderen Orient die falschen Bündnispartner. Nach dem Irak-Krieg arbeitet die US-Regierung seit 2009 daran, auch in Syrien die Regierung auszuwechseln (1). Aber „regime change“ ist völkerrechtswidrig und die Auswahl der missliebigen Regierungen erfolgte vom Standpunkt der Menschenrechte willkürlich, aus geopolitischen, also wirtschaftlichen Gründen aber sehr zielgerichtet. So kam es, dass nicht das feudalistische Saudi-Arabien und die Öl-Emirate, sondern das laizistische Syrien mit einem entwickelten Mittelstand, gutem Bildungs- und Gesundheitswesen in das Visier der Geheimdienste und Militärstrategen geriet.

Die harte Hand des Assad-Regimes, die sich nicht nur gegen Islamisten richtete und die angedeuteten Interessen anderer Staaten führten in Syrien zu einem schrecklichen Krieg, der unmöglich den Interessen des syrischen Volkes entsprechen konnte. Doch Bürgerkriege beginnen oft versteckt und langsam, Gewalt entwickelt sich in Eskalationsspiralen.  Die Waffen sind zunächst unsichtbar, Gewehre, Maschinenpistolen, Panzer und Flugzeuge sind die Stationen zu mörderischen Kriegen. Am Ende sind ganze Städte ausgelöscht, Hunderttausende gestorben und Millionen vertrieben.

Der Kampf um Aleppo war hoffentlich das Ende der Falschheit. Alle beteiligten Mächte (Russen, Iraner, Türken, Saudis, US-Amerikaner, Europäer, Deutsche . . .), die ihre Interessen am syrischen Volke abgearbeitet haben, sollten ihre Politik neu ausrichten. Wir brauchen einen doppelten Strategiewandel in der internationalen Syrien-Politik.

  1. Der Wechsel der politischen Strategie vom Feindbild Assad zur Bekämpfung des Islamismus.

Die Bundesregierung sollte nicht mehr einen Regierungssturz in Syrien anstreben, sondern ein koordiniertes Vorgehen der USA und Russlands unterstützen, um den Einfluss aller islamistischen Gruppierungen, die inzwischen 90 Prozent der militärischen Gegner Assads ausmachen,  zurückzudrängen. Deutschland sollte eine massive Entwicklungspolitik für Syrien mit seiner ambitionierten Flüchtlingshilfe von 2015/16 verbinden. Syrien, Deutschland  und die Flüchtlinge brauchen gleichermaßen diese Perspektive.

  1. Der Wechsel von militärischen Strategien zur zivilen Konfliktbearbeitung.

Der Kampf gegen die Islamisten sollte vorrangig nicht-militärisch geführt werden. Die militärischen Strategien gegen Terroristen haben sich als unbrauchbar erwiesen, es ist wirksamer und nachhaltiger, sie mit politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Interventionen zu bekämpfen. Syrien könnte zu einem Exempel friedlicher Konfliktbewältigung und Nachsorge werden. Es gibt ein großes und ungenutztes Arsenal von Mitteln des Peacekeeping, das auch unter Bedingungen aggressiver Ideologien wirksam sein kann (2). Versöhnungskonferenzen, so schwer sie sein werden, müssen den Vorzug vor Kriegsverbrecherprozessen, die auch nötig sind, haben.

Syrien hat das Potential, den Wiederaufbau seiner Städte mit dem Modell eines gelingenden Friedens nach innen und außen zu verbinden. Ob es genutzt wird, liegt zur Zeit weniger an den Syriern als an der übrigen Welt.

Olaf Weber

Initiative „Welt ohne Waffen“ Weimar

www.weltohnewaffen.de

 

(1) siehe: Robert F. Kennedy, Jr. vom 23.02.2016 in „politico.eu“
Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=32213

(2) FRIEDENSPLAN FÜR SYRIEN: EINE ARGUMENTATIONSHILFE. Bund für soziale Verteidigung (BSV)
Quelle: http://bit.ly/2gJ1YW3

Offener Brief an Frau Prof. Heike Hanada. Umfeldgestaltung Bauhaus-Museum Weimar 

Verehrte Frau Prof. Hanada,

in Ihrem offenen Brief an den Stiftungsrat der Klassik Stiftung bemängeln Sie die vorgesehene Umfeldgestaltung des Bauhaus-Museums vor allem dahingehend, dass der betriebene Aufwand nicht dazu dient, die Aufmerksamkeit zum Bauhaus-Museum zu lenken. Wenn es stimmt, dass durch die Planung des Büros Vogt die Dominanz des Bauhaus-Museum eingeschränkt und dessen Beziehung zum „Gauforum“ harmonisiert wird, so hat sich ein wirklicher Denkfehler eingeschlichen, der korrigiert werden muss.
Ich schreibe das, weil dieses Problem über dem aktuellen Streit um die Freiflächengestaltung hinaus geht und den Umgang mit dem sogenannten „Gauforum“ betrifft. Dafür ist es wichtig, wieder einmal den historischen Blick zu schärfen. Wie wir wissen, ist das Bauhaus nicht etwa von Weimar nach Dessau „übergesiedelt“, sondern es ist von volkskonservativen, nationalistischen und völkischen Parteien und Gruppen aus Weimar und Thüringen auf die übelste Weise vertrieben worden. Und das hatte seine Ursachen in der Unvereinbarkeit des einen mit dem anderen. Gropius hatte sein geniales Vorhaben durch die Zusammenführung der damals fortschrittlichsten Tendenzen in Architektur und Design, in Kunst und Lebensgestaltung, in Typographie, Tanz und quasi allen Bereichen der Kultur entwickelt. Diesen Avantgardismus nannte er „Bauhaus“. Die Unvereinbarkeit zum miefigen völkischen Kleinbürgertum war quasi dem Bauhaus immanent.
Wenn wir heute in Weimar ein Bauhaus-Museum bauen, so muss diese Historie auch aus Gründen der Wiedergutmachung in jeden Gestaltungsakt einfließen. Die Gestaltung des Bauhaus-Museums und seines Umfeldes ist eine eminent politische Aufgabe. Das ehemalige „Gauforum“ darf keineswegs ästhetisch gleichberechtigt mit dem Bauhaus-Museum und anderen Teilen der „Topographie der Moderne“ behandelt werden. Schon wegen seiner monströsen Größe ist der Umgang mit dem heutigen Verwaltungsamt schwierig. Das Bauhaus-Museum muss zusammen mit seinem Umfeld entsprechende architektonische Aussagen gegenüber der Nazi-Architektur formulieren und wird nicht zuletzt nach seinen politischen Eigenschaften beurteilt werden. Die Stadt Weimar hat dabei eine große Verantwortung.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Olaf Weber
Weimar, den 20.01.2017