Über das Geistige in der Architektur

Die Transkription des Bauhauses in ein Museum

von Olaf Weber

Ein Gebäude besteht neben Stein, Holz, Stahl und Glas auch aus rhetorischen Figuren. Wenngleich die Häuser massiv und dauerhaft sind, so ist doch Architektur vor allem etwas Labiles und Immaterielles. Ein Haus kann zu uns sprechen. Und wir können das zu Stein gewordene Geistvolle genießen und wiederum interpretieren.

Das geht so weit, dass die massiven Balken und Pfeiler, Treppen und Kellergewölbe verhindern müssen, dass schöne Architektur zur Poesie wird. Die Stadt ist ein Text, der in seiner Omnipräsenz einen vergänglichen Raum in einer unnatürlichen Sprache artikuliert. Schauen wir uns an, welchen Text das Bauhaus-Museum spricht.

Realität. Die ästhetischen Beschlüsse der Architekten sind oft isoliert, fremdbestimmt und marginalisiert. So hat nicht die Architektin Heike Hanada, sondern haben die Beschlüsse der Finanzausschüsse, die Autoren diverser Rechnungen und Paragraphen, natürlich auch eine Jury und die herrschende Baukultur und vor allem der geistig-kulturelle Zustand Weimars die Fundamente des Bauwerkes gelegt.

Vor diesem Anspruch und Hintergrund betrachten wir nun die Ideengeschichte des neuen Bauhaus-Museums in Weimar, zunächst durch einen kurzen Rückblick auf die Geschichte einer langwierigen Planung, wobei leider ein permanenter Mangel an konzeptionellem Vorlauf auffällt. 

Verortung. Seit der Wiedervereinigung war klar, dass Weimar ein (neues) Bauhaus-Museum braucht. Als aber plötzlich (20 Jahre danach) eine Finanzspritze aus Berlin kam, traf diese die Stadt, die Klassik-Stiftung und die Bauhaus-Universität völlig unvorbereitet. Danach wurde fast ausschließlich über einen möglichen Standort diskutiert.

Am Gründungsort hatte die Uni keine Reservefläche für das Museum bereit gehalten, so dass abstruse Vorschläge aufkamen, zum Beispiel die inzwischen unter Denkmalschutz stehende DDR-Mensa abzureißen oder dem Museum für das Staatliche Bauhaus ein teilprivatisiertes Museum am Hotel „Elephant“ zu verordnen (Public-Private-Partnership). Die Klassik-Stiftung als künftiger Nutzer wollte einen zentralen Ort am Zeughof, damit die Besucher beim Stadtrundgang das Bauhaus-Museum auf keinen Fall verfehlen. Der Stadtrat favorisierte aber im Interesse des Stadtganzen einen Standort abseits der klassischen Zentren. Damit wurde der Überkonzentration des Tourismus auf das mittelalterliche Stadtzentrum durch ein Ausweichen auf seinen Rand klug entgegen gewirkt.

Das bedeutete, dass die Gestalt des Neubaus nicht mehr dem ästhetischen Anpassungsdruck des historischen Kontextes ausgesetzt war. Nun war die Gestalt des künftigen Museums wieder offen. Doch am Rande des Weimarhallenparkes wurde das Wesentliche des Standortes offenbar: Das Bauhaus-Museum musste eine Antwort auf die politisch herausfordernde Sprache des „Gauforums“ finden.

Das Geistige. Nun stellte sich heraus, was nicht stattgefunden hatte. Es fehlte eine ausführliche Diskussion um den Sinn eines solchen Museums, um  den geistigen Gehalt des Bauwerkes, um den Typus, um die Symbolkraft, um Ausdruck und Wirkung des neuen Gebäudes. Die Frage nach dem architektonischen Typus hätte die Diskussion belebt und bewirkt, dass der Geist des Bauhauses oder seiner Neugeburt doch noch Gegenstand des architektonischen Diskurses geworden wäre.

Der Bauherr hatte seine Vorstellung vom Museum und sein ästhetisches Credo nur ungenügend definiert. Im Ergebnis eines Wettbewerbes von 2011/12 wurden 536 Entwürfe aus aller Welt eingereicht, die in den meisten Fällen dem Text der Ausschreibung folgten, aber wenig dem Anspruch des Bauhauses entsprachen.

Sollte der Neubau ein möglichst unspektakulärer Sachbau werden, sollte er in seinem Habitus an die Moderne der 20er Jahre erinnern, sollte er unsere heutige Zeit ausdrücken oder gar einen Blick in die Zukunft wagen, wie es seinerzeit das Bauhaus versuchte? Letzteres hätte eine Diskussion über den Avantgardismus heute oder über die Zukunft in unserer Gegenwart erfordert. Es hätte eine Transkription des Bauhaus-Experiments in eine gegenwärtige Utopie bedeutet. Das waren offene und unbeantwortete Fragen an Weimar.

Die Ästhetik. Das Bauhaus verstehen heißt, das Bauhaus neu denken. Gropius hatte damals die erreichbaren progressiven Tendenzen seiner Zeit aufgegriffen und ihnen ein Programm und einen Namen gegeben: Bauhaus. Das Bauhaus wollte den Schwulst der Kaiserzeit durch eine sachliche Gestaltung vernichten. Aber die Reduktion auf elementares Gestalten war nur der Anfang, Ziel war der Aufbau einer neuen Grammatik, einer neuen architektonischen Formensprache. Dieser Versuch war aus historischen Gründen abgebrochen und nie wieder im Geiste des Bauhauses aufgenommen worden. Heute wäre das Bauhaus natürlich allen technischen Neuerungen offen. Es würde mit dem digitalen Potential experimentieren und neue ästhetische Körper, Räume und Oberflächen produzieren. Der „White cube“ war lediglich eine Folie, in der sich die Experimente spiegeln konnten.

Öffentlicher Disput und Mitbestimmungsmodelle. Die Demokratisierung der Gesellschaft war 1919 in eine neue Phase getreten, in die Weimarer Republik. Am Bauhaus wirkte sich die Novemberrevolution von 1918 durch eine soziale und internationalistische, auch weibliche Orientierung aus, aber noch nicht durch eine breite Demokratisierung des Produktionsprozesses von Architektur und Design. Direkte Demokratie und Mitbestimmungsmodelle spielten damals keine Rolle, sie wären aber heute in der Planung eines Museums dieser Avantgarde unbedingt nötig gewesen, damit zunächst ein historisches und philosophisches Modell, später ein architektonischer und künstlerischer Entwurf hätte gelingen können.

Der ökologische Aspekt. Bei Gründung des Bauhauses schien das Verhältnis des Menschen zur Natur noch in Ordnung zu sein. Die natürlichen Formen sollten damals mit den Abstraktionen der Artefakte vor allem eine ästhetische Balance bilden. Es ist keine Spekulation zu behaupten, dass das Bauhaus heute ein Ort des ökologischen Radikalismus wäre. Es wäre deshalb eine selbstverständliche Vorgabe gewesen, den Erinnerungsort an diese Avantgarde als Null-Energie-Haus zu konzipieren. 

Der politische Standort. Das Bauhaus wurde schon bald nach der Gründung von einer kleinbürgerlichen Schicht mit volkskonservativen und nationalistischen Parolen vertrieben. Die Rolle einer Avantgarde für das immer wieder sich erneuernde Weimar wurde von diesen Kräften völlig verkannt. Aus diesem Denkraum könnte der Eindruck entstehen, dass das Bauhaus nach einem Alterungsprozess von 100 Jahren endlich nach Weimar zurückkehren darf – nun aber als Wirtschaftsfaktor der Tourismusbranche. Diesem Eindruck muss durch anhaltende Akte der Wiedergutmachung entgegengewirkt werden.

Der Standort des neuen Bauhaus-Museums verortet den historischen Kontrast zum Nationalsozialismus unmittelbar. Das Museum befindet sich in direkter Nachbarschaft zur autoritären Herrschaftsarchitektur des „Gauforums“. Aus dieser Nähe entstand die Notwendigkeit, den historischen Sieg der Moderne über die NS-Architektur ästhetisch zu interpretieren – die vielleicht schwierigste Herausforderung des Standortes. Ich komme gleich noch einmal darauf zurück.

Resümee. Konnte man erwarten, dass ein Museum, das 100 Jahre nach der Gründung des Bauhauses geplant und diesem gewidmet ist, das Bauhaus quasi in seine Zukunft, also in unsere Gegenwart hinein fortsetzt? Ja, es wäre möglich gewesen und das Bauhaus verlangt aus meiner Sicht nach einer experimentellen Architektur als Hülle für seine avantgardistischen Ideen und Relikte.

Aber die von Staat, Stadt und Stiftung gebildeten Voraussetzungen für ein Bauhaus-Museum waren trotz rasanter globaler Umbrüche eher konservativ. Die Architektin hat einen soliden Entwurf geliefert, dessen Reize und Qualitäten wahrscheinlich in der inneren Raumgestaltung liegen. Die ausgestellten Zeugnisse programmatischer Ideen und 100-jähriger Erfindungen dominieren aber klar über die bauliche Hülle, die aus einem sauberen Baukörper mit einer schönen Schriftbanderole und einem postmodernen Portal besteht.

Weimar ist um eine Attraktion reicher. Aber der Entwurf für einen so hohen Zweck hätte Weimars kulturelle Tradition und seinen Erneuerungswillen herausfordern müssen. Um das zu verdeutlichen, will ich doch einmal – entgegen allen Gepflogenheiten – das Urteil der Jury ignorieren und auf einen vergessenen Entwurf zurückschauen, der die Gelegenheit bietet, über Architektur in einer Höhe zu philosophieren, der unserem Thema angemessen wäre.

Es ist der Wettbewerbsbeitrag von Zaha Hadid, einer weltbekannten und hoch dekorierten Architektin. Ich greife ihn heraus, weil er das Bauen der 20er Jahre technisch und ästhetisch weit übersteigt und zugleich zur Nazi-Architektur den größtmöglichen Abstand hat. Deshalb könnte er am besten ausdrücken, was Avantgarde an diesem Standort bedeutet. Ihre Arbeit hat wenig Beachtung gefunden, obwohl ihr radikal-moderner Entwurf den stärksten Ausdruckswert besitzt und in seinem spielerischen Habitus eine doppelte Innovation enthält. Es ist die freieste Avance an das Bauhaus und zugleich die kühlste Absage an den Bierernst des benachbarten monströsen „Gauforums“. Hadids Entwurf dominiert über das Gauforum nicht durch Höhe, sondern durch den größtmöglichen Kontrast zu ihm: durch Heiterkeit und Lebendigkeit. Eine allseitig gewölbte und fließende (parametrische) Kunstform mit ökologisch interessanten Lichtschächten – vielleicht gepaart mit den optisch-kinetischen Apparaten des ungarischen Bauhäuslers Moholy-Nagy. Und dieser Entwurf hätte vielleicht nach erneuter Überarbeitung im Dialog mit dem Geist von Gropius einen Bilbao-Effekt haben können, also zur exklusiven Hülle für einen exklusiven Inhalt werden können.

Nach dem offiziellem Wettbewerb und dem fehlenden 1. Preis gab es in Weimar noch einen bemerkenswerten Impuls: Ein Volkswettbewerb zum Bauhaus-Museum und ein diesbezüglicher Aufruf: „Die Ideen sind frei. Ein Manifest für die Stadt“. Innerhalb von 10 Tagen wurden aus der Bevölkerung 25 unkonventionelle Ideen für ein Bauhaus-Museum eingereicht. Es zeigte sich, dass so genannte Laien erstaunlich frische Bilder für Bauwerke entwickeln können. Es gibt offensichtlich eine Kraft des Dilettantismus, die in den Frühphasen eines Entwurfes helfen könnte, manche Denkschablonen des Systems „Architektur“ zu überwinden. Die Initiatoren des Volkswettbewerbs versuchten mit dieser unkonventionellen Aktion ein Moratorium zu erreichen, um unter kühneren Prämissen neue Denkansätze für das Bauhaus-Museum zu initiieren, leider zu spät und ohne Erfolg. Aber auch das gehört zur Erzählung über das Geistige in der Architektur.

Weimar, Januar 2019

Veröffentlicht in: Palmbaum, Heft 1, 2019 (Heft 68)

Der 42. Kongress 2009 – 2011, Videodokumentation

42. Kongress des Absurden – 2009 – Eroeffnungsperformance from Olaf Weber on Vimeo.

42. Kongress des Absurden – 2009 – Performances from Olaf Weber on Vimeo.

42. Kongress des Absurden – 2010 – Eroeffnungsperformance from Olaf Weber on Vimeo.

42. Kongress des Absurden – 2010 – Performances from Olaf Weber on Vimeo.

42. Kongress des Absurden – 2011 from Olaf Weber on Vimeo.

Der 42. Kongress – Ein Podium des Absurden

Über dem „42. Kongress“ schwebt die verquerte Welt in ihrer Absurdität.
Das Credo dieser Veranstaltung ist es, diesen menschgemachten
Zustand zu vermessen und abzubilden, sie letztlich mit einem größeren
und geistvolleren Absurden zu konfrontieren. Das ist ein vitales
Fest, es will ein Podium und offener Raum für unkonventionelles,
alogisches, also vielleicht richtiges und hintersinniges Denken und Handeln
sein. Es kann zu allem werden – zum spontanen Gag oder zur
durchformulierten künstlerischen Aktion.
Die offene Bühne des 42. Kongresses fasst alle Gesänge, Sprachen
und Medien. Bilder aller Dimensionen, Texte, Sounds und natürlich
Bewegungen, Aktionen und Performances überlagern sich zu langsamen
und wilden Collagen, die eine Nacht lang gelten.
Der Nonsens ist kein Nicht-Sinn, er ist nicht sinnlos. Die absurde
Aussage ist eine real mögliche Antwort auf Wirklichkeit. Der Zweiundvierzigste
widerspricht als Vollzug dieses Absurden der herrschenden
Logik des gefügten Systems, also dem ungesund gewordenen Menschenverstand.
Absurdes kann durch „Gehen bis an den Rand, durch
letzte Konsequenzen“ (Albert Camus) zum erhellenden Denken zwingen
oder überhaupt eine Sache auf die Füße stellen. Das Absurde ist
damit identisch mit dem Rigorosum der zeitgenössischen Kunst und
letztlich auch der Aufklärung.
Am 42. Kongress teilnehmen heißt, dem gesponserten Mainstream
die eigene, non-konforme Aktion entgegenzusetzen. Das Absurde ist
sowohl eine regelhaft betriebene Sinnverweigerung, als auch eine alogische
Sinnstiftung. Die anarchistische Welt des Nonsens enthält auch
Ordentliches, zum Beispiel Stilbrüche und verkehrt verwendete Muster,
sie generiert Wirklichkeiten, die außerhalb der gewohnten Zeichenwelt
existieren. Übliche, also unübliche Mittel des Nonsens sind
aberwitzige Collagen, paradoxe Verwerfungen, Aporien, leere Metaphern,
überraschende Notationen, misslungene Makros, Käfer, usw.,
82 Titelthema
also das ganze disparate Chaos ästhetischer Ordnungen, nicht zu vergessen
das Komische des Absurden.
In drei aufeinander folgenden Jahren gab es drei 42. Kongresse. Sie
hatten unterschiedliche Titel. 2009: Absinth – Die Gurken. 2010 hatte
er eine aktionistische Beifügung: Absinth – die Gurken – Der Putsch.
2011: Die Schwäche am Menschen.
Ort des Geschehens war zunehmend das gesamte Hauptgebäude
der Bauhaus-Universität. Die Teilnehmerzahl erhöhte sich im Laufe
der Jahre von 150 auf 500 Personen, wobei jeweils ein Viertel der
Teilnehmer auch Akteur war. Der absurde Kongress gewann überregionale
Bedeutung. Jedoch scheiterte die Vorbereitung weiterer 42.
Kongresse im Sommer 2011 an der Leitung der Fakultät Gestaltung,
welche dieses unfassbare und sichtbare Monstrum nicht mehr unterstützen
wollte. Alle anderen empfanden es aber als eine heitere und
abschüssige kreative Kraft in der Tradition der Bauhausfeste und der
DADAistischen Internationale.

  1. Kongress. Absinth – Die Gurken

Performance von Olaf Weber zum am 05.02.2009 im Oberlichtsaal
der Bauhaus-Universität Weimar
Weber wird mit einer großen Pauke vor dem Bauch in den Oberlichtsaal
geführt. Er trägt eine Sonnenbrille, auf dem Kopf ein Drahtgestell mit
einem Vogel, daran sind seitwärts zwei kleine Lampen befestigt, die an
einem Stab herunter hängen und direkt seine Ohren beleuchten. Er setzt
sich auf einen großen Gummiball und schlägt unrhythmisch – statt auf
das Fell – auf das Metallgehäuse der Pauke.

Das Mondgesicht
das blöde Oberlicht das Oberlicht !
das romantische – Nicht !
das Hoppla hoppla hoppla (springt auf dem Ball)
Die Entgeisterung des Weltenstaubes
die Entstaubung des Hyazinthes
die Verkörperung rückwärts des Nichts des A
des dreifachen A A A
des Anke Andrea Angela
des A des O
des A und O
des O des W des Endes des O des W des O W.
Ja die
botanischen Instrumente der Generäle
die Naturreligionen der politischen Pannen
die riesigen Schaufeln der Elche
die 5,50 Meter großen Schaufeln der Elche.
für Palästina. für Raum
für Rums. für Raum für Rums für Raum.
Für Rums.
Ja die Fakultät
die Nonsens, das Hui-ja Hui-ja, nicht versteht
auch ein Dekan – man siehts ihm an
Doch das entfesselte Design
und die Kunst, das schöne Bein.
Und der ganze Gurkenverein
Ja die
Spesen gewesen Besen,
ja das Lesen
Ja das ja das
reiben bleiben schreiben
Ja das Schreiben und das Lesen ..

(Weber singt das bekannte Lied aus dem Zigeunerbaron)

Ja das Schreiben und das Lesen
sind nie mein Fall gewesen,
denn schon von Kindes Beinen
beschäftigt mich mit Schweinen.
Auch war ich nie ein Dichter
Potz Donnerwetter – Parafly.
war immer Schweinezüchter
Poetisch war ich nie.

Weber: Der 42. Kongress. Ein Podium des Absurden

84 Titelthema Olaf Weber: Der 42. Kongress. Ein Podium des Absurden

mein idealer Lebenszweck
ist Borstenvieh
und Schweinespeck,
mein idealer Lebenszweck
ist Borstenvieh und Schweinespeck!

O.W. fällt vornüber auf seine FDJ-Pauke. Er richtet sich nochmals auf:

Es lebe der 42. Kongress. Absinth – Die Gurken.
Sich noch mal mühsam aufrichtend:
Das Buffet, die Toiletten, die neue Weltordnung
sind eröffnet.
Der 42. Kongress. Absinth – die Gurken – Der Putsch

Performance von Olaf Weber, Franciska Braun, Michael von Hintzenstern
und einem Chor am 2. Februar 2010

Das Treppenhaus im Hauptgebäude der Bauhaus-Universität Weimar.
Im Foyer des 1. Obergeschosses ist ein ca. 3 x 3 Meter großes und 80
cm hohes Podest aufgebaut, die Zuschauer drängen sich auf dem Foyer,
den breiten Treppen und Fluren.
Vom 2. Obergeschoss steigt langsam und völlig rückwärts laufend
die Sängerin Franciska Braun die große geschwungene Treppe herab.
Sie hat einen Hut mit breiter Krempe auf dem Kopf, der es ihr nur
erlaubt, nach unten –zu schauen. Um Brust und Bauch ist eine Bettdecke
aus schwarzem Damast gewickelt – sehr vornehm und skurril. In
ihrem experimentellen Gesang benutzt sie Lieder, die sie im Dialog
mit dem Chor, dem Harmonium und dem gesprochenem Text verfremdet.
Operngesang und abstrakte Geräusche purzeln in allen Varianten
die Treppe herab. Zwischendurch nascht sie Süßigkeiten.
Neben dem Podest steht ein kleines Harmonium, vom dem aus
Michael von Hintzenstern einen Chor dirigiert. Der Chor singt nicht
eigentlich, sondern erzeugt die verschiedensten Geräusche – mit dem
Mund, den Händen und Fingern. Es entwickelt sich ein musikalisches
Sprachgewirr, das auch rhythmische und stilistische Figuren hervorbringt.
Hintzenstern trägt ein Huhn auf dem Kopf, die Chormitglieder
sind teilweise auch kostümiert.
Olaf Weber, sonnenbebrillt, tritt an die Szene. Er trägt einen Stuhl
ohne Sitzfläche umgeschnallt vor dem Bauch und auf dem Kopf eine
Krone aus Drahtgeflecht, von der auf beiden Seiten kleine Lämpchen
herunterhängen, die waagerecht seine Ohren beleuchten. Mühsam
erklimmt er das Podium und beginnt mit nach oben gestreckten Armen
seinen Vortrag „Das Treppenhaus muss raus!“… In den drei Unterbrechungen
seiner Rede nehmen jeweils Chor und Sängerin ihren
musikalischen Disput verstärkt auf, während Weber mit umständlichen
Gesten und dem Versuch, sich auf seinen umgeschnallten Stuhl
zu setzen, immer wieder scheitert. Der letzte Teil ist ein Frage-Antwort-
Spiel mit dem Chor, das wiederum durch den Gesang der Sopranistin
überschrieben wird.

Die drei Vorstellungen – des Redners, der Sopranistin und des Chors
– sind sowohl simultane und rücksichtslose Aktionen als auch improvisierte
Teile der gemeinsamen Eingangsperformance des Kongresses.

 

1.

Das Treppenhaus muss raus
die Schiffe – sie kleben an den Wänden
die kleinen öffentlichen beklebten Häuser, beklebt
Nashörner kleben an ihrem Horn angeklebt
Die Schiffe – kleben an ihrem Untergang
Der Neoliberalismus ist ein Huhn von unten.
Es gibt Effizienzkriterien für die Güterproduzierenden die nichts
und taugen,
und über-haupt-nicht für Universitäten und so was.
Niemals dieser ökonomischen Logik nichts ist, aber –
Nonsens erhellt die Welt
Nonsens erhellt die Welt mit einer Lampe
mit einer Lampe aus Eisen
mit einer Lampe für die Geschlechter
mit einer undurchsichtigen Lampe für die Kohle
Mit einer undurchsichtigen Lampe aus Klarheit für Nächstenliebe
für Busen und Po
Nonsens ist Lampe
Nonsens beleuchtet den Untergang aller Lampen

86 Titelthema

 

2.

Nasen springen immer wieder auf Nasen
auf die vergoldeten Hasennasen des Joseph Beuys seine Nase
– gespringt
auf den Jonathan Meese seine Neese – gespringt
auf den Schlingensief seine halbtote zerfaserte Nase
rettet Schlingensief! vor seinem Totensarg
vor seinem ewigen Scheitern an der Kante zum Sprung auf
die Gurken
die Schurken sind wieder Gurken
Die Gurken sind wieder Schurken
Scheiß keine Reime!
Es klebe die Anarchie – Putschi Putschiputschi
Der Putsch des Schönen ist der Frieden der Dinge
Der Putsch des Mammons ist Verbrechen an euren Mündern
Revolte aber ist Nashorn ist Nase ist Nonsens ist Lampe

 

3.

Seien wir realistisch
fordern wir das Unmögliche. Chef. Che
vergesst das Kino der Banker
Glaubt nicht an alkoholfreies Weihnachten Ostern erster Mai
Muttertag Tag der Reinheit
vergesst die Illusionen mittels vergeistigter Löcher im Kopf Läuse
Schminke
verprügelt die falschen Hoffnungen mittels von Kopf auf die
Füße gestellt
Entkleidet Prinz Michael von Sachsen-Weimar mittels Nackt-Scanner!

 

4.

(Als Dialog mit dem Chor, der antwortet „Ja, wir sehen, hören es“)

Fühlt ihr den Wahnsinn des Treppenhauses
Seht ihr die dreidimensionalen Gurken an der Lunte des Glücks
Seht ihr den Absinth wie er kommt als Rettung für eure Rettung
Spürt ihr wenn ich so wackle
Spürt ihr wenn ich so zapple
Seht ihr das Huhn des Neoliberalismus über euch fliegen
Seht ihr den nassen Klecks, der herunter fällt
Seht ihr den Klecks auf meiner nackten Schulter
(zeigt auf seinen Hintern)
Seht ihr den Klecks wie er privatisiert und philosophische
Wahrheit wird
Seht ihr den hilflosen Rektor mit seinen Armen
Spürt ihr den weichen zarten warmen Bauch des Nashorns über Euch
spürt ihr seinen Nasenkuss
Seht ihr den Kitsch in den Kochtöpfen den Betten Suppen Gefühlen
Soll ich weitermachen
Seht ihr die Strategie ins pralle Nichts
Seht ihr die gestrichenen vollen Hosen der Repräsentanten die ab
und zu ein Bein heben
Seht ihr die Zuhälter der Kisten der Luft
Seht ihr die keine Demokratie in Deutschland Freiheit
Erkennt ihr die Stoßrichtung des Papstes nicht
Seht ihr immer noch wie ich wackle und zapple
Seht ihr das Verbrechen an der keinen Kunst und Watte Schneewittchen
und Dornröschen damit sie mit keiner Idee schwanger zu
haben hause – sind
Seht ihr das: Das schwache Geschlecht ist auch nur Lurch und Gurke
Seht ihr hören die singende Nachtigall Franciska Braun, die gerade
aus dem Bett hierher kommt
seht ihr den Michael von Hintzenstern mit seinem komischen
Ammonium, das überhaupt nicht hierher passt?
seht ihr den absurdesten Stino-Chor der Saison auf dem Höhe
punkt seines musikalischen Unterganges
Der 42. Kongress Absinth – Die Gurken – Der Putsch“ ist eröffnet.

(Der Chor setzt sich schnalzend, knurrend und singend in Bewegung und
weist damit den Weg zum Oberlichtsaal, wo weitere Aktionen stattfinden)
Weber: Der 42. Kongress. Ein Podium des Absurden

88 Titelthema

  1. Kongress. Die Schwäche am Menschen (2011)

Eröffnungsperformance von Olaf Weber

Das Foyer im Erdgeschoss des Hauptgebäudes Bauhaus-Uni Weimar.
Weber steht auf halber Höhe der geschwungenen Treppe. Vor ihm ein
senkrechtes Banner mit der Aufschrift Der 42. Kongress. Das Absurde hat
nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet (Albert
Camus). Drei komische Vögel stören durch Singen und Rufen die Rede.

Verehrte,
Nun schon zum dritten Male,
Die Freiheit siegt über ihre ewigen Ankündigungen.
Unsere Berechnungen sagen, dass heute der einzige Tag ist, an dem
die Büroklammern nicht den Gewissheiten folgen, die Gauner nicht
dem Gaunern, die Hemden und Hosen nicht den Surrealisten, den
Socken.
Die Uni ist ein Handapparat von oben …, von nitschewo von da
und dorthin da Du d dö dö (Gesang)
Die GeistesKästen klemmen. Die Geldsäcke hängen und schwämmen
– und klemmen auch und saufen.
Herrschaftslogik krummes Huhn des Eies Zweckes. Nichts zu tun.
Herrschaftslogik dummes Tun, Schneewittchen Leute Rotikäppchen
Huhn. Die sogenannte Kreativität ist die Zwangsjacke am Papagei am
Käfig seinen Handschuhen Hindurch.
Wir brauchen den Nonsens wir lieben das Absurde. Die Axt des
erhellenden Denkens.
Aber die Schwäche am Menschen ist auch kalter Kaffee.
Wir machen einen Kongress über die Schwäche am M.
Die Schwäche am M am am Mu am Mu Mu mu. Mubarak macht
schlapp hau ab.
Unsere multiamorösen Wissensaftler und Kunstler marodieren auf
drei Etagen, sie suchen es sie stampfen. Sie werden es hinsetzen. Sie
werden es gelingen die Mützen und Stühle am Schwäche.
die Mützen und Stühle am Schwäche
die Mützen am Schwäche
Der 42. Kongress 2011 Die Schwäche am Menschen ist da! ist eröffnet.

 

Es folgt das Eröffnungskonzert mit dem Ensemble Hochmodern.
Dirigent Max Wutzler.

 

von Olaf Weber

Veröffentlicht in: Palmbaum 1/2017, Seiten 83 bis 91

“Solidarität, Nächsten- und Feindesliebe sind überlebenswichtig für die Menschheit“

25aus der Thüringer Landeszeitung vom 25.07.2017, ein Interview mit Prof. Dr. Olaf Weber von Gerlinde Sommer

Professor Weber aus Weimar will mit seiner Initiative erreichen, dass zum 1. Januar 2050 eine Welt ohne Waffen und Frieden für alle möglich wird

Olaf Weber, Jahrgang 1943 und gebürtiger Dresdner, setzt sich für Frieden ein. Der vormalige Professor für Ästhetik an der Bauhaus-Universität Weimar beschäftigt sich seit seinem Ruhestand ab 2009 zunehmend mit pazifistischen Argumenten. 2013 gründete er in Weimar „Welt ohne Waffen“. Jetzt legt er mit dieser Initiative den „Weimarer Friedensappell 2017“ vor.

Wer genau steht hinter diesem Appell, Professor Weber?

Die Initiative „Welt ohne Waffen“ aus Weimar. Sie ist eine Partei-unabhängige Diskussions- und Aktionsgruppe zur Förderung des Friedensgedankens.

Warum sammeln Sie keine Unterschriften?

Wir haben darauf verzichtet, Unterstützerlisten zu sammeln, weil wir kein kurzfristiges politisches Ziel verfolgen. Der Friedensappell will aufklärend wirken, er ist deshalb vor allem ein Aufruf, den Frieden wieder denken zu lernen.

Wie wollen Sie Bürger, Politiker und vor allem Unternehmer, die am Krieg verdienen, für Ihren Appell gewinnen?

Deutschlandweit sprechen wir die Bürger und Politiker durch die Medien und durch soziale Netzwerke an. In Weimar verteilen wir unsere kleine illustrierte Broschüre mit dem Titel „Abrüstung jetzt“. Wir drucken sie schon in zweiter Auflage. Zwischen der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung und den meisten Politikern herrscht eine Kluft. Viele Menschen erleben mit Unverständnis und Wut die Welle einer neuen Aufrüstung. An den Politikern wäre es, nun endlich von der Konfrontation auf Kooperation umzuschalten und Sicherheit nicht durch Aufrüstung, sondern durch weltweite und kontrollierte Abrüstung und friedliche Mittel der Konfliktbewältigung zu schaffen. Die Rüstungsindustrie werden wir mit unseren Argumenten sicher nicht erreichen.

Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Was kennzeichnet Frieden? 

Das Schweigen der Waffen in Kriegsgebieten, die Reduzierung der Waffenexporte und das Abschmelzen der Atomwaffen wäre schon der halbe Frieden. Der ganze Frieden ist noch eine Utopie, aber eine solche, die nach unserer Meinung in 30 bis 40 Jahren erreichbar wäre. Nur Diktatoren brauchen das Militär zur Machterhaltung nach innen – und nach außen brauchen es nationalistische Regierungen zur Absicherung von Rohstoffen und Märkten. Alle anderen würden auf Militär gut verzichten können. Auch für die Abwehr von Terroristen sind Panzer und Kriegsschiffe völlig ungeeignet.

Wollen Sie das Schlaraffenland?

Frieden ist ein lebendiger Zustand des solidarischen Miteinander, zu ihm gehören auch Widersprüche und Konflikte, in gewisser Weise sogar Gewalt – und deshalb auch eine Polizei, welche vermeintliche Kriminelle und Terroristen vor Gericht ziehen kann. Selbst wenn der Frieden kein Schlaraffenland wäre, können wir uns aber angesichts der Schrecklichkeit der heutigen Waffen und der riesigen Probleme, die zu bewältigen sind, keinen Krieg mehr leisten.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Die ersten Kriege im noch jungen 21. Jahrhundert hatten bereits über 1 Million Tote und die Destabilisierung ganzer Regionen zur Folge. Die militärischen oder geheimdienstlichen Interventionen in Afghanistan, dem Irak, Libyen, Syrien, der Ukraine u.a. fanden keineswegs im Auftrag der jeweiligen Völker statt. Sie schadeten massiv deren Gemeinwohl, lähmten deren Selbstheilungskräfte und reduzierten Entwicklungsmöglichkeiten. Nun kommen die Kriege in Form von Terrorismus zu den Interventionsmächten zurück. Die gegenwärtige Entwicklung lässt erwarten, dass die nächsten Kriege in den Hinterzimmern der Macht schon vorbereitet werden. Es ist für die Friedensbewegung nicht ausreichend, den militärischen Katastrophen nachzulaufen und dabei immer nur das schlimmste Leid lindern zu können.

Was müsste getan werden?

Besser als Nothilfen wäre eine starke Krisenprävention. Wir richten deshalb den Blick auf eine weltweite Friedenspolitik, in deren Zentrum keine gewaltsamen Interventionen und auch kein militärischer Schutz, sondern zivile Sicherheitsstrukturen und eine Vertrauen stiftende, weltweite Abrüstung stehen. Wir fordern von allen Regierungen das Menschenrecht auf Frieden zu achten.

Es klingt utopisch, wenn Sie eine weltweite Demilitarisierung fordern…

Aber die Hinwendung zum Frieden ist sofort und überall machbar. Wir brauchen eine politische Kehrtwende von der weiteren Zuspitzung der Krisen zu ihrer Entspannung, von der Konfrontation zur Kooperation und von der weiteren Aufrüstung zur kontinuierlichen und vollständigen Abrüstung. Nur eine solche „pazifistische Revolution“ macht auch kleine Abrüstungsschritte glaubwürdig. Selbstverständlich wird es den allgemeinen Frieden nicht schon morgen geben. Aber die vollständige und globale Demilitarisierung sollte ähnlich dem deutschen Atomausstieg mit einem Zieldatum verbunden werden. Wir halten es für möglich, dass zur Jahrhundertmitte der weltweite Abrüstungsprozess abgeschlossen sein kann, so dass der 1. 1. 2050 als erster Tag einer militärfreien Welt gelten könnte.

Was genau verbirgt sich hinter der Demilitarisierung?

Die Abschaffung aller Waffen und anderen Vorhaltungen zum Kriege, die Auflösung der militärischen Verbände und Kriegsministerien ist nur die äußere Seite der Demilitarisierung. Der Frieden beginnt im Kopf, er beginnt als Befreiung von konstruierten Feindbildern. In unser Denken und Fühlen, in unsere Sprache und Kultur hat sich Gewalt in verschiedenen Formen eingenistet. Wir sollten sie zusammen mit den Rüstungen und Waffen ablegen. Eine Kultur des Friedens, eine neue Streitkultur und Friedenslogik sind nötig. Abrüstung ist eingebettet in den Umbau unserer Weltordnung zu einem universellen Humanismus. Zum friedlichen Leben gehört eine neue Art des globalen Wirtschaftens, Verteilens und Lebens, die von einer ökologischen und sozialen Verantwortung getragen wird.

Gehen Sie und Ihre Mitstreiten davon aus, dass der Mensch im Kern kein Krieger sein will?

Der Krieg ist kein Naturzustand. Die Menschen sind immer zum Kriege getrieben oder verführt worden, immer aber wurden sie betrogen. Unsere Visionen bilden nur eine Hoffnung zum Frieden, sie sind noch nicht der reale Weg. Wir wissen aber, dass Frieden auch ein innerer Zustand des Menschen ist, der durch das Bestreben nach Ausgleich und Würde zu friedlichem Verhalten befähigt. Empathie, Solidarität  und Vertrauen, Nächsten- und Feindesliebe sind nicht nur friedensstiftende Fähigkeiten des Menschen, sie sind auch lebenswichtig, sie tun einfach gut.

Wer den Friedensappell unterstützen will, kann eine Mail schreiben an: kontakt@weltohnewaffen.de

Lesen Sie den kompletten Aufruf der Initiative unter www.tlz.de/friedensappell

Rede zur Eröffnung der Kampagne „Abrüstung Jetzt“

Rede zur Eröffnung der Kampagne „Abrüstung Jetzt“ in der Ausstellung Bertha von Suttner am 08.05.2017 im Hauptbahnhof Weimar

Eine wirklich gute Idee erkennt man daran, dass ihre Verwirklichung von vornherein ausgeschlossen erscheint. – Albert Einstein

Und wir haben eine wirklich gute Idee, das ist die Idee von einer Welt ohne Krieg. Diese Idee ist nicht neu, sie ist wahrscheinlich so alt wie der Schrecken der Kriege selbst. Und es gibt große Vorbilder wie unsere wunderbare Ausstellung über Bertha von Suttner zeigt. Aber die Menschheit hat sich in  einer Art geistiger Trägheit (oder Fremdbestimmung) daran gewöhnt, dass es Kriege gibt und geben wird. Jeder Mann und jede Frau hofft aber darauf, dass sie woanders stattfinden.

Gerade in diesen Wochen und Monaten brauen sich die Wolken neuer Konflikte zusammen und hören wir von neuen gewaltigen Rüstungsprojekten. Und  jede einzelne militärische Intervention und jeder einzelne Aufrüstungsschritt bringt nicht ein mehr, sondern ein weniger an Sicherheit und Frieden. Wir sind davon überzeugt, dass das Militär abgeschafft werden muss. Denn es wird Kriege geben, solange es Militär gibt.

Sorgen wir nicht nur für weltweite Abrüstung in den Kasernen und Arsenalen, sondern auch für die Abrüstung in unseren Köpfen, denn dort hat sich Militärisches in vielen Formen eingenistet. Wir haben wenig Kompetenz zum Handeln, aber wir haben die Kompetenz, Abrüstung und Frieden zu denken.  So können wir uns wenigstens geistig befreien – als Vorausleistung für wirkliche Abrüstung und Frieden.

Auf nur wenigen Seiten geben wir in unserem Friedensappell diese Denkanstöße. In der Vergangenheit sind kleine Abrüstungsschritte immer wieder durch neue Rüstungen vernichtet worden. Wir setzen deshalb aufs Ganze. Wir wollen die vollständige weltweite kontrollierte und kreative Abrüstung. Wir setzen ein Datum: Bis zur Jahrhundertmitte kann die Welt militärfrei sein. Der 1. Januar 2050 wäre dann der erste Tag eines globalen Friedens.

Wir bieten einen Aktionsplan, der die ungeheure Komplexität des Demilitarisierungsprozesses ahnen lässt. Unter 7 Kapiteln sind über 30 Stichpunkte aufgelistet. Die vielfältigen Probleme sollten uns aber nicht erschrecken, sondern ermutigen, an irgend einer Stelle anzufangen. Wahrscheinlich können selbst die kleinsten Teile dieses Planes nur unter enormen Aufwand durchgesetzt werden. Denken wir nur an ein solches Vorhaben wie, „Frieden als Schulfach“ in deutschen Schulen einzuführen.

Verehrte Damen und Herren, liebe Anwesende, nehmen Sie unsere kleine Anleitung zum Frieden mit. Helfen Sie dabei, das Militär loszuwerden. Schließen Sie sich uns an, Unterschreiben Sie den Weimarer Friedensappell.

Beginnen wir endlich mit Abrüstung und zwar: Jetzt!

Olaf Weber

Dringlicher Strategiewechsel in Syrien

3Der Westen hat  im vorderen Orient die falschen Bündnispartner. Nach dem Irak-Krieg arbeitet die US-Regierung seit 2009 daran, auch in Syrien die Regierung auszuwechseln (1). Aber „regime change“ ist völkerrechtswidrig und die Auswahl der missliebigen Regierungen erfolgte vom Standpunkt der Menschenrechte willkürlich, aus geopolitischen, also wirtschaftlichen Gründen aber sehr zielgerichtet. So kam es, dass nicht das feudalistische Saudi-Arabien und die Öl-Emirate, sondern das laizistische Syrien mit einem entwickelten Mittelstand, gutem Bildungs- und Gesundheitswesen in das Visier der Geheimdienste und Militärstrategen geriet.

Die harte Hand des Assad-Regimes, die sich nicht nur gegen Islamisten richtete und die angedeuteten Interessen anderer Staaten führten in Syrien zu einem schrecklichen Krieg, der unmöglich den Interessen des syrischen Volkes entsprechen konnte. Doch Bürgerkriege beginnen oft versteckt und langsam, Gewalt entwickelt sich in Eskalationsspiralen.  Die Waffen sind zunächst unsichtbar, Gewehre, Maschinenpistolen, Panzer und Flugzeuge sind die Stationen zu mörderischen Kriegen. Am Ende sind ganze Städte ausgelöscht, Hunderttausende gestorben und Millionen vertrieben.

Der Kampf um Aleppo war hoffentlich das Ende der Falschheit. Alle beteiligten Mächte (Russen, Iraner, Türken, Saudis, US-Amerikaner, Europäer, Deutsche . . .), die ihre Interessen am syrischen Volke abgearbeitet haben, sollten ihre Politik neu ausrichten. Wir brauchen einen doppelten Strategiewandel in der internationalen Syrien-Politik.

  1. Der Wechsel der politischen Strategie vom Feindbild Assad zur Bekämpfung des Islamismus.

Die Bundesregierung sollte nicht mehr einen Regierungssturz in Syrien anstreben, sondern ein koordiniertes Vorgehen der USA und Russlands unterstützen, um den Einfluss aller islamistischen Gruppierungen, die inzwischen 90 Prozent der militärischen Gegner Assads ausmachen,  zurückzudrängen. Deutschland sollte eine massive Entwicklungspolitik für Syrien mit seiner ambitionierten Flüchtlingshilfe von 2015/16 verbinden. Syrien, Deutschland  und die Flüchtlinge brauchen gleichermaßen diese Perspektive.

  1. Der Wechsel von militärischen Strategien zur zivilen Konfliktbearbeitung.

Der Kampf gegen die Islamisten sollte vorrangig nicht-militärisch geführt werden. Die militärischen Strategien gegen Terroristen haben sich als unbrauchbar erwiesen, es ist wirksamer und nachhaltiger, sie mit politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Interventionen zu bekämpfen. Syrien könnte zu einem Exempel friedlicher Konfliktbewältigung und Nachsorge werden. Es gibt ein großes und ungenutztes Arsenal von Mitteln des Peacekeeping, das auch unter Bedingungen aggressiver Ideologien wirksam sein kann (2). Versöhnungskonferenzen, so schwer sie sein werden, müssen den Vorzug vor Kriegsverbrecherprozessen, die auch nötig sind, haben.

Syrien hat das Potential, den Wiederaufbau seiner Städte mit dem Modell eines gelingenden Friedens nach innen und außen zu verbinden. Ob es genutzt wird, liegt zur Zeit weniger an den Syriern als an der übrigen Welt.

Olaf Weber

Initiative „Welt ohne Waffen“ Weimar

www.weltohnewaffen.de

 

(1) siehe: Robert F. Kennedy, Jr. vom 23.02.2016 in „politico.eu“
Quelle: http://www.nachdenkseiten.de/?p=32213

(2) FRIEDENSPLAN FÜR SYRIEN: EINE ARGUMENTATIONSHILFE. Bund für soziale Verteidigung (BSV)
Quelle: http://bit.ly/2gJ1YW3

Offener Brief an Frau Prof. Heike Hanada. Umfeldgestaltung Bauhaus-Museum Weimar 

Verehrte Frau Prof. Hanada,

in Ihrem offenen Brief an den Stiftungsrat der Klassik Stiftung bemängeln Sie die vorgesehene Umfeldgestaltung des Bauhaus-Museums vor allem dahingehend, dass der betriebene Aufwand nicht dazu dient, die Aufmerksamkeit zum Bauhaus-Museum zu lenken. Wenn es stimmt, dass durch die Planung des Büros Vogt die Dominanz des Bauhaus-Museum eingeschränkt und dessen Beziehung zum „Gauforum“ harmonisiert wird, so hat sich ein wirklicher Denkfehler eingeschlichen, der korrigiert werden muss.
Ich schreibe das, weil dieses Problem über dem aktuellen Streit um die Freiflächengestaltung hinaus geht und den Umgang mit dem sogenannten „Gauforum“ betrifft. Dafür ist es wichtig, wieder einmal den historischen Blick zu schärfen. Wie wir wissen, ist das Bauhaus nicht etwa von Weimar nach Dessau „übergesiedelt“, sondern es ist von volkskonservativen, nationalistischen und völkischen Parteien und Gruppen aus Weimar und Thüringen auf die übelste Weise vertrieben worden. Und das hatte seine Ursachen in der Unvereinbarkeit des einen mit dem anderen. Gropius hatte sein geniales Vorhaben durch die Zusammenführung der damals fortschrittlichsten Tendenzen in Architektur und Design, in Kunst und Lebensgestaltung, in Typographie, Tanz und quasi allen Bereichen der Kultur entwickelt. Diesen Avantgardismus nannte er „Bauhaus“. Die Unvereinbarkeit zum miefigen völkischen Kleinbürgertum war quasi dem Bauhaus immanent.
Wenn wir heute in Weimar ein Bauhaus-Museum bauen, so muss diese Historie auch aus Gründen der Wiedergutmachung in jeden Gestaltungsakt einfließen. Die Gestaltung des Bauhaus-Museums und seines Umfeldes ist eine eminent politische Aufgabe. Das ehemalige „Gauforum“ darf keineswegs ästhetisch gleichberechtigt mit dem Bauhaus-Museum und anderen Teilen der „Topographie der Moderne“ behandelt werden. Schon wegen seiner monströsen Größe ist der Umgang mit dem heutigen Verwaltungsamt schwierig. Das Bauhaus-Museum muss zusammen mit seinem Umfeld entsprechende architektonische Aussagen gegenüber der Nazi-Architektur formulieren und wird nicht zuletzt nach seinen politischen Eigenschaften beurteilt werden. Die Stadt Weimar hat dabei eine große Verantwortung.

Mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Olaf Weber
Weimar, den 20.01.2017

Ein Bachhaus komponieren

2. Weimarer Volkswettbewerb zur Architektur

Bild 1_11. Bach in Weimar

Mitten in Weimars Innenstadt befindet sich ein Ort, dessen Genius loci zu einem weltberühmten Komponisten gehört. Johann Sebastian Bach wohnte und arbeitete ab 1708 fast 10 Jahre lang in einem Haus, das an dieser Stelle stand, dann aber teilweise zerstört, vernachlässigt und abgerissen wurde. Seit Jahrzehnten ist dieser Ort nichts anderes als der Parkplatz des benachbarten Hotels „Elephant“. Mittlerweile hat sich vor allem durch die Aktivitäten des Vereins „Bach in Weimar“ ein weltweites Interesse artikuliert, diesen Ort am Marktplatz mit einem Gebäude zu schmücken, das dem Weltgenie Bach gewidmet ist. Diese Bebauung könnte zugleich einen wichtigen Beitrag zur Stadtreparatur Weimars darstellen.

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2. Den Erbprinzen wieder aufbauen

Die ehemalige Dienstwohnung Bachs befand sich in einem der üblichen Gebäude dieses Stadtviertels und wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit zwei benachbarten Gebäuden zum „Erbprinzen“ vereinigt. Kulturhistorisch hat dieses Hotel durch die Beherbergung von zahlreichen berühmten Musikern, Literaten und Philosophen das Bachsche Wohnhaus noch einmal enorm angereichert, so dass es heute angemessen wäre, statt einer schwachen und unsicheren Nachbildung des Bachschen Wohnhauses den ganzen Erbprinzen wieder aufzubauen – zumal der denkmalpflegerische Befund zum Erbprinzen im Gegensatz zum ehemaligen Bachschen Wohnhaus gut gesichert ist.
Im Rahmen einer historisierenden Stadtreparatur mittels des berühmten Erbprinzen könnten also Johann Sebastian Bach und seine bedeutenden Söhne durchaus ihre angemessene Repräsentanz finden. Doch der Wiederaufbau des Erbprinzen ist unsicher. Deshalb ist es wohl sinnvoll, der Idee einer Rekonstruktion des Erbprinzen die ebenso interessante Alternative eines neuen Bach-Monumentes zur Seite zu stellen.

3. Das klingende Bach-Monument als freier Entwurf

Diese Alternative wäre der architektonische Gegenpol zur historischen Kopie. Es ist der freie Entwurf eines Monumentes, das quasi die architektonische Hülle für Bachs musikalisches Kredo bildet. Auf der Suche danach sollte die ganze Spannweite der Korrelationen zwischen Musik und Architektur ausgelotet werden, damit die architektonische Grundidee in größtmöglicher Freiheit entwickelt werden kann. Große Architektur entsteht aus einem Überschuss an Ideen. Bachs Monument muss große Architektur sein. Es kann nur aus einem behutsamen Entwicklungsprozess hervorgehen, in dem das musikalische Werk des jungen Bachs ebenso wie der „Geist des Ortes“ erkundet und so zum Potential eines ausufernden Experimentierens werden kann. Bachs neues Haus verlangt eine sensible Vorbereitung und zugleich eine unbegrenzte Phantasie der Architekten, Künstler und aller schöpferischen Kräfte, um sich dem Kern einer solchen Idee zu nähern.
Die Aufgabe, ein Bachhaus Weimar als klingende Bach-Begegnungsstätte und Memorialort für das Weltgenie zu errichten, ist so großartig, dass im Vorfeld künftiger Aktivitäten alle möglichen Potentiale mobilisiert werden sollten. Dem Anliegen, verkrustetes Denken und Klischees aufzubrechen, dient unser Wettbewerb „Ein Bachhaus komponieren!“. Mit ihm ist die Erwartung verbunden, dass Bachs geniale Kreativität auch die Ideen zur Gestaltung dieses singulären Ortes inspirieren könnte. Dafür stehen der junge „Weimarer Bach“ selbst, seine Experimentierlust, seine Modernität und seine legendäre spontane Improvisationskunst Pate. Es kann für die künstlerischen Ideen keine Vorgaben geben – außer der, zu einem individuellen Sinnbild für Bachs Musik zu werden.

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4. Der Volkswettbewerb

Das übliche Verfahren zur Entwicklung architektonischer Ideen ist der Architekturwettbewerb. Neben dem Aufruf des Expertenwissens ist aber eine Erweiterung der Öffentlichkeit auf die Gesamtheit der Interessierten, also eine offene Diskussion über alle Fragen der Bauaufgabe (people – brainstorming) wünschenswert. Der öffentliche Charakter eines neuen Bachhauses drängt förmlich dazu, durch eine Erweiterung des beteiligten Personenkreises und die Aufhebung ästhetischer Zwänge eine große Ideenfülle im Umfeld des Entwurfes zu akquirieren. Bereits im 1. Weimarer Volkswettbewerb, damals zum Neuen Bauhausmuseum im Jahre 2012, ging es nicht nur um die Teilhabe aktiver Bürger am Planungsprozeß, sondern in einer Erweiterung des partizipatorischen Ansatzes um die Aufforderung, mit neuen Bauideen bis in die Gestaltfindung des Gebäudes, also bis zum eigentlichen Entwurf vorzudringen. Die Erfahrungen dieses Volkswettbewerbes sind im Aufruf „die Gedanken sind frei, ein Manifest für die Stadt“ zusammengefasst (http://www.olafweber.org/2012/05/die-ideen-sind-frei-manifest-2012/). Der komplexe Architekturentwurf bleibt selbstverständlich Sache der Architekten. Doch gibt es Momente im Prozess des Hervorbringens von Architektur, in denen sich auch andere schöpferische Kräfte beteiligen sollten. Gerade die Frühphasen sind bei solchen Bauaufgaben, die unkonventionelle und durchgeistigte Lösungen brauchen, für die Qualität des Ergebnisses wichtig. Offene Ideenwettbewerbe oder Volkswettbewerbe können in der entscheidenden Frühphase der Planung die Raum-, Bild- und Strukturpotentiale erweitern. Für die Ideenfindung zeigt sich, dass so genannte Laien erstaunlich frische Bilder für Bauwerke entwickeln können. Unverbrauchte und sensible Dilettanten sind durchaus fähig, bildhafte Ideen im baulichen Maßstab zu denken.

5. Aus dem Wettbewerbsaufruf

„Jeder Mann/jede Frau/jedes Kind ist aufgefordert, möglichst unkonventionelle Entwürfe für die Gestaltung dieses Ortes einzureichen. Diese Ideen müssen nicht realisierbar sein. Im freien Spiel der Intuition kann ein Gebäude, ein Raum, ein Monument, ein Symbol oder ein irgend geartetes Objekt entworfen oder beschrieben werden, das geeignet ist, dem musikalischen Weltwunder Bach in Weimar wieder seinen Ort zu geben. Wir nennen das: ein Bachhaus komponieren! Es gibt für den Entwurf keine Vorgaben – außer der, zu einem individuellen Sinnbild für Bachs Musik zu werden … Der Aufruf richtet sich an alle Phantasiebegabten, er will alle ermuntern und so von der ungebremsten Kreativität des Dilettantismus profitieren. Die Realisationsmöglichkeiten werden später und anderswo untersucht … Es gibt auch keine Vorgaben für die Darstellung der Ideen: Es können improvisierte Modelle gebaut, Zeichnungen angefertigt oder eine Vision auch nur beschrieben, bedichtet oder besungen werden, und vieles weitere … die Ideen sind frei. Die Ergebnisse werden in einer Ausstellung im Rahmen des Interludio der BACH BIENNALE WEIMAR vom 18. bis 19. Juli 2015 gezeigt. Die Teilnehmer erhalten Urkunden, alle sind Preisträger, die Bachstadt Weimar ist die Jury!“

Radio Lotte – Interview mit Prof. Myriam Eichberger vom 14.07.2015

Radio Lotte – Interview mit Prof. Dr. Olaf Weber vom 2.07.2015

Salve TV – Ein Bachhaus komponieren, Sendung vom 14.07.2015

6. Die Ausstellung der Ideen

Zum Volkswettbewerb „Ein Bachhaus komponieren“ wurden mehr als 20 völlig unterschiedliche Beiträge eingereicht und zur Ausstellungseröffnung am 18.07.2015 unter Beteiligung vieler Autoren im Foyer der Universitätsbibliothek präsentiert.
MDR – Ein Bachhaus für Weimar vom 18.07.2015

Hier nun ein Einblick in die Vielfalt der Ergebnisse.
Manuela Born und Alexander von Knorre stellen ein phantasievolles, teils unterirdisch angesiedeltes Refugium der Sinnlichkeit vor. Die Besucher können Bachs Musik abseits der Touristenströme in großen und kleinen, verschwiegenen Räumen genießen. Das Wortspiel mit Bachs bürgerlichen Namen und den kleinen Wasserläufen, die tatsächlich die Stadt an dieser Stelle durchziehen, könnte dazu anregen, das musikalische Material auf Wahrnehmungen natürlicher Erscheinungen zu projizieren. Diese Analogie von Natur, Geschichte und Geologie sowie den wohltemperierten Klängen Bachscher Musik könnte eine wunderbare Anregung sein, Bach auf eine besonders komplexe Weise zu erleben.
Ein Beispiel für eine Idee, die kein Entwurf sein will, sondern eine künstlerische Argumentation zum Thema „Bachhaus“, liefert Max Elhardt, der in Dänemark lebt. Eine so tiefgründige und zugleich heitere Idee muss nicht unbedingt in einem Transformationsprozess in ein reales Objekt überführt werden können. Doch auf diesem Weg ist alles offen. Max Elhardt schreibt zum Quinten Riesen Rad für Johann Sebastian Bach: „hier mein Beitrag. wegen Aufenthalt im Sommerhaus graphisch eher spröde, aber eine vortreffliche kinetische Installationsidee, gespickt mit Schwebungen und Harmonielehre für Fortgeschrittene alles inklusive: Wolfsquinten, wohlige Temperaturen und pythagoreische Kommata“.
bachhaus weimar max elhardt
Einen anderen Versuch, Musiktheorie und Design in einem Entwurf zu vereinen, unternimmt Michael Geyersbach mit seinem B-A-C-H WÜRFEL. Er schreibt: „Ein Haus hat vier Wände. Der Name Bach besteht aus vier Tönen. Das Bachhaus ist ein Würfel, bestehend aus 4 Flächen b a c h, einem Fundament und einem Dach. Blind links to heaven. Seine Musik: sinnlich erfahrbare, in Töne gegossene mathemische Sprache. Sein Werk: ein Universum. Seine Wirkung: zeitlose Utopie. Ein Bachhaus ist nicht nur Erinnerung, es ist gebaute Utopie. Eine Art Begegnung der Avantgarde“. Und weiter: „Das Bachhaus ist mit einer Videohaut auch ständig groß und kleinflächig, ein Gesamtkunstwerk aus Lichtbild, Installation, Musik, Klängen, Gesprächen, ein Ort der Begegnung, von Konzerten und Kunstaktionen“.
Geyersbachs Ideenskizze
Manon Grashorn stellt einen Wandteppich vor, der ästhetische Transformationen provoziert, doch bereits selbst das Resultat eines künstlerischen Transformationsprozesses ist. Der Titel der Bach-Kantate „Geist und Seele wird verwirrt“, wird darin in einer neuen künstlerischen Dimension interpretiert. Er könnte auch ein Motto für die erwünschte Öffnung der synästhetisch organisierten Sinne sein.
Harald Grothe aus Aachen stellt ein großes Bachhaus-Modell vor, auf das ein Film projiziert wird. Der Film erweitert das Modell in Richtung des Vierdimensionalen. Phantasievoll ist dieses Modell auf einem 3D-Drucker entstanden.
Martin Fink „Euphonia II“ 2014/2015 organisiert in seinem ebenfalls großen Holzmodell eine rhythmische Sprache phantastischer Architekturelemente. Es ist kein Entwurf, sondern ein großartiges Konzert in den Dimensionen der architektonischen Formensprache.
Mit dem Widerspruch zwischen traditioneller Formensprache und modernem Bauen setzt sich ein anonym bleibender Autor auseinander. Die Fassade von der Größe des ehemaligen Wohnhauses wird als moderne Skulptur geformt. Auf den haushohen plastischen Abdruck einer Violine ist die graphische Struktur traditioneller Fassadenelemente appliziert, wie sie möglicherweise Bachs Wohnhaus eigen war. Ein Stück konzeptioneller Baukunst.
Völlig außerhalb der Realität scheint ein Vorschlag für ein mobiles Bachhaus von Katja Weber zu sein. Das Modell einer „Bach-Praline“, aus Pappe mit Metallrädern beschreibt sie so: „ähnlich dem Bauhaus-Museum hat auch das Bachhaus ein Standortproblem. Hier also wiederholt mein Vorschlag der mobilen Immobilie – zugleich auch eine Reminiszenz an den derzeitigen Parkplatz. Falls der Chef doch mal da ist, kann Weimars Praline der Kultur auch mal ein Stückchen zur Seite gerückt werden und notfalls später raus- aus dem Terrain, aus der Stadt, aus der Sichtweite -hinein ins Universum“.
Bachpraline
Einige Autoren liefern Texte, um ihre Ideen zu verdeutlichen. So beschreibt der bekannte Bachforscher Jens Johler ein Zimmer im neuen Bachhaus: „Es sollte ein Zimmer der Zeitgenossen sein, ein Zimmer für Bachs Begegnungen mit Zeitgenossen oder für Bachs Beziehungsnetz … Das sollte dann graphisch, nach Art einer Mindmap, gezeigt werden: Personen, die er kannte. Personen, die ihn kannten … Das Interessante wäre immerhin, dass wir auf diese Weise Bach aus der Perspektive der Anderen sehen, mit den Augen der Anderen. Und so käme vielleicht ein vielfältiges, plastisches Bild des „fernen Bach“ (Wolfgang Hildesheimer) zustande. Er käme uns näher, ohne dass wir versuchten, uns ihm anzubiedern.“
Einige Wettbewerbsteilnehmer beschreiben spezielle Aspekte des Themas. So karikiert der ehemalige Baudezernent Weimars Carsten Meyer den Widerspruch zwischen den Eigentumsverhältnissen auf dem Grundstück und dem öffentlichen Interesse, indem er den Zugang zu Bachs altem Weinkeller durch einen Geheimgang unterirdisch erschließt.
Neue Klangwahrnehmungen erhofft sich Alfons Wagner, indem er die Orgelpfeifen in einem Rondell anordnet.
Ein anonymer Autor schlägt ein „ Bauchhaus“ vor und koppelt wohl die Sinnenfreude in Bachs Werk mit der Sinnlichkeit in seinem Leben. Es ist tatsächlich ein Haus mit einem dicken Bauch. „Bach ist für mich Intuition und Sinnlichkeit. Bach ist Bauch. Ein Bachhaus ist ein Bauchhaus.“
Bach ist Bauch
Alan Warburton zeigt in seinem Video „Präludium und Fuge C-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier 1“ den Gang durch einen eher klinisch anmutenden Raum, bestückt mit „Bach-Utensilien“ Büste, Stadtansicht Leipzig u.a. , dazu gehen im Rhythmus des Stückes farbige Leuchtstoffröhren an. Zu Beginn der Fuge öffnet sich die Tür zu einer Tiefgarage, in der die vier Stimmen der folgenden Fuge als Leuchtstoffröhren an der Decke hängen, diese vier Stimmen kann man dann optisch verfolgen, indem sich bei Abspielen der Fuge jeweils die den Tönen zugehörigen Leuchten erhellen.

Bach: The Well Tempered Clavier for Sinfini Music from Alan Warburton on Vimeo.

Pablo Grande Lopez schuf ein sehr großes Poster als Gesamtkunstwerk, dem er verschiedene Themen zuordnet: 1. Verschiedene Konzepte der Bespielung: Bach-Sessions, Experimentelles, Break Dance mit Bach, Interaktive Auditions mit Visualisierungen: wie komponierte Bach? Künstlerische Installationen zu Bachs Musik. 2. Bachs Leben in Weimar: welche Schwerpunkte, welche Ziele, wie hat er sich entwickelt? „The place, where Bach learned to be Bach“: Begriffe wie: Talent, Arbeit, Disziplin, Jugend, Assimilation, Improvisation; Einfluss Vivaldi + Italien auf Bach, Orgel steht im Zentrum. 3. Nur dieser ist ein originaler Raum der Verehrung 4. Bach = Look up and  Contemplate The Music of the Universe. 5. Was IST Bachs Musik: Universale Ordnung, Universal Musicality, Transcendential Imperfection,  mathematical order (Mathematische Ordnung) , Cosmos Planetary Order, Divinity (Göttlichkeit), deepness (Tiefe), Architecture, Reflexion, human friction, abstract beauty (abstakte Schönheit),  Struktur, Rationalität, Reflexion, Ordnung = Rationale Schönheit. 6. PR-Ideen: Bach-Keller, Bach (Hotel)-Suiten… 7. Architektur: Kubatur Skizzen 8. Erweiterung des Hotels „Elephant“ sowie Bau eines Bachhaus Weimar. Merchandising-Ideen: Bach-Keller, Bach-Bier, Bach-T-Shirts („Keep calm and Bach“, You´ll never Bach alone“) 9. Fiktives Interview mit Bach
Lopez BACHHAUS WEIMAR IDEENWETTBEWERB -Belleza Racional-
Eine populäre Modernisierung Bachs schlägt Lena Haubner vor: „Unten steht der Gettoblaster hochkant auf einem schwarzen Sockel und oben steht in schwarzen Großbuchstaben Bach. Zufälligerweise habe ich entdeckt, dass alle Gettoblaster vor den zwei Lautsprechern so eine Art Metallstäbe haben, bestimmt um sie zusätzlich zu fixieren. Da habe ich mir gedacht, es wäre ja ganz schick, wenn man diese Metallstäbe auch nimmt um den Sockel und die Buchstaben am Gettoblaster festzumachen. Dadurch sieht auch alles mehr aus, wie aus einem Guss“.
Bachblaster Lena Haubner
Joseph Vissier reichte 15 Bilder zum Bachhaus ein, es sind Modell-Entwürfe. Bachhaus 1: Foto mit Blättern und Kerze und Stift und Papier: es geht los. Bild Bachhaus 2  bis 15: street view with exhibition windows, and entrance and historic pictures, text and Manuscript in Sgraffito. Bachhaus 3: Blick von der Rückseite (Parkplatz) auf die 2. Etage mit Musikraum (Saal) für Solorezitals und Kammermusik mit außen angebrachtem Carrilon. Bachhaus 4: Übezellen, ein ganzer Raum aus Stahl und Glas … Bachhaus 5: Blick vom Parkplatz auf Glas und Stahl Musikräume. Bachhaus 6: Blick vom Parkplatz auf den „Top Carillon“ (Bild: Modellfoto eines Gebildes aus Papier/Pappe, auf dem sich wiederum ein schwarzweiß Foto befindet. Bachhaus 7 und 8: Top-Carrilon. Bachhaus 9: Blick vom Parkplatz in die Keller. Bachhaus 10: Diese Seite soll offen sein: alles Glas und Stahl. Bachhaus 11: Ausstellungsraum: offen für alle, mit moderner Technologie. Bachhaus 12: Haupteingang von Parkplatz aus: Lobby/Tea Room/ Cafe. Das Dach ist ein Konzertpodium für Sommerkonzerte. Bachhaus 13: Ansicht vom Parkplatz aus, mit Haupteingang und öffentlichem Ausstellungs-Bereich. Rückansicht mit der Darstellung der Bühne auf dem Dach für Sommerkonzerte. Bachhaus 15: Rückansicht, offene Sommerbühne mit Chor und Orchester, bei „alle Fenster geöffnet“.
Joseph Vissier – Bachhaus 1 bis 15
Jan Karman Komposition Fuge: “Komt vrienden in het ronden”. Er schreibt: “In the foot steps of Johann Sebastian Bach I composed a fugue on the first lines ofan old Flemish folk tune.”
[evtl Medieninhalt einfügen]
Johann Frogemuth Bartel und Anne-Katharina Harder zeichnen phantasievolle Bilder eines Bach-Gartens mit Wasserläufen, Brücken, Kaskaden und Musikern. Sogar ein Elefant kann Trompeten. Bachs Lebenslust ist in frohen Wasserfarben komponiert. Und ein Haus voller Trampoline für bessere Schwingungen beziehungsweise Swing wünscht sich der 4-jährige Yossi Höhne.
Julia Heinemann forderte mit ihrem Beitrag „Das wohltemperierte Haus“ Interessierte auf, vor Ort als „live Performance“ ihren Ideen Ausdruck zu verleihen. Sie schreibt: “Mein erster Gedanke bei Bach ist Polyphonie -> Vielstimmigkeit. Polyphonie bedeutet in der Musik die Selbstständigkeit zusammenklingender Stimmen. Um dieses Prinzip auf die Gestaltung von Räumen anzuwenden, wurden die Bauteile wie Noten aufgefasst und so aufeinander abgestimmt, dass ihnen trotz unterschiedlicher Größen ein Einheitsmaß zu Grunde liegt. Beim Zusammensetzen entstehen immer harmonisierende Verbindungen. Hierbei entsprechen die sieben Plattengrößen den sieben Grundnoten einer Oktave. Durch das ausgewogene Zusammenspiel von Leerraum und Körper entsteht wie durch Ton und Pause die Komposition. So entsteht immer ein wohlproportioniertes Raumgebilde dessen Elemente als selbstständige Bauteile zusammen wirken. (Polyphonie – so streng wie frei).
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Probier`s aus! -> Komponiere Dein Bachhaus! Nach diesem Motto stand am 2. Tag des Interludios das Stadtmodell mit dem oben beschriebenen Bausatz für eigene Raumkompositionen zur Verfügung. Es entstanden in einer Art Jam Session verschiedene Raumvariationen, deren Entstehungen von den Umstehenden interessiert verfolgt wurden. Einige „Komponisten“ erläuterten auch ihre Ideen, so entstand z.B. eine kleine Konzerthalle, in Muschelform die sich zum Marktplatz hin öffnet oder ein Sendeturm mit Plattformen, „von wo aus in die gesamte Welt gefunkt wird“. In unüberschaubaren Variationen wurden auf diese spielerische Weise die Möglichkeiten des architektonischen Komponierens erprobt.

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Ausblick

Das Spektrum der eingereichten Arbeiten zeigt eine interessante Ideenlandschaft – genauso, wie  es sich die Auslober des „Volkswettbewerbes“ vorgestellt hatten. Ein großer Raum an  Möglichkeiten hat sich eröffnet, der das Zeug hat, zu einem Inspirator für ein neues Bach-Monument zu werden. Nun kommt es aufs Weitermachen an. Ob der historische Erbprinz wieder errichtet wird oder ein neues Bachhaus aus der architektonischen Avantgarde der Gegenwart erwächst – das wird die Zukunft zeigen. Jede Lösung sollte sich aber dem Genie des großen Komponisten öffnen. Auf diesem Wege war es gut, zur Probe ein Bachhaus zu komponieren.

Prof. Dr. Olaf weber und Julia Heinemann für den Wettbewerb „ein Bachhaus komponieren“
Prof. Myriam Eichberger für den Verein „Bach in Weimar“ e.V.
Weimar, Juli 2015

Eine Welt ohne Militär ist möglich!

Der Erfinder des Dynamits Alfred Nobel sprach nach dem Friedenskongress 1892 in Bern zu seiner Freundin, der Friedensaktivistin Baronin Berta von Suttner: „Meine Fabriken werden vielleicht dem Krieg noch früher ein Ende machen als Ihre Kongresse. An dem Tag, da zwei Armeekorps sich gegenseitig in einer Sekunde werden vernichten können, werden wohl alle zivilisierten Nationen zurückschaudern und ihre Truppen verabschieden.“ Leider hatte er Unrecht: Die „zivilisierten“ Nationen sind nicht erschaudert, das Militär wurde nicht verabschiedet. Trotz der Atomwaffen, der Raketen, Kampfbomber und Drohnen ist der trügerische Glaube an die Abschreckungskraft von Rüstung noch immer intakt. Und das, obwohl der moderne Krieg die Grenzen des Ethischen längst überschritten hat und die Geschichte zeigt, dass Militär die Sicherheit nicht erhöht, sondern vermindert. – Mit diesen Worten leitete kürzlich Olaf Weber einen Beitrag über die von Ihm begründete Initiative „Welt ohne Waffen“ aus Weimar ein. Mit ihm sprach Jens Wernicke.

Herr Weber, wenn Sie eine „Welt ohne Waffen“ fordern, ist das sicher vielen sympathisch, wird manchen jedoch gleichwohl illusorisch erscheinen: Wir sind doch alle bedroht und permanent „in Gefahr“ – durch Russland, den Terror und so vieles mehr… Und in dieser Situation fordern Sie, die Waffen niederzulegen?

Jede Waffe gerät in die falschen Hände, weil sie zum Zwecke des Tötens angefasst wird. Die Gefahr geht nicht von Russland, nicht von der Türkei oder den USA aus, sondern vom Militär. DAS Militär und das militärische Denken haben sich in Eintracht mit anderen konfliktfreudigen Kräften selbst ermächtigt, obwohl sie gegenüber dem sozialen, kulturellen und ökologischen Zustand der Gesellschaft nur Negativbilanzen aufzuweisen haben. Auch in der Außenpolitik gilt eine angebotene Hilfe als konterminiert, sobald das Militär einbezogen wird.
Militär existiert nur im Widerschein eines anderen Militärs, lebt aber auf Kosten der Zivilgesellschaft. Die militärischen Eliten gehören ein und derselben Clique an, teilen aber des Krieges wegen die immer gleichen Soldaten in Freunde und Feinde. Die eigentliche Front befindet sich also nicht zwischen den Völkern, sondern zwischen dem Militär und den Machtpolitikern einerseits und der zivil Gesellschaft andererseits – und das über den ganzen Globus hinweg.
Und es hat sich gezeigt, dass man das Militär nicht wirklich einhegen kann. Es reduziert allein durch seine Existenz den Willen zu energischen diplomatischen Lösungen, es zermürbt den Frieden. Das ist einer der Gründe, weshalb Militär nicht mehr ins 21. Jahrhundert passt. Es ist atavistisch, gehört abgeschafft.

Aber bei all den „humanitären Katastrophen“ weltweit – da müssen wir, muss Deutschland doch, wie es so schön heißt, „Verantwortung übernehmen“… Oder etwa nicht?

Verantwortung heißt, die Menschenrechtspolitik mit dem Frieden zu verbinden. Akute Bedrohungen durch internationale Verbrecherbanden könnten durch eine starke UN-Menschenrechtspolizei aufgelöst werden. Dabei könnten Verdächtige mit Hilfe von nicht-tod-bringenden Waffen einem Gericht zugeführt werden – so, wie es in zivilisierten Gesellschaften üblich ist.
Es ist anzunehmen, dass es solche kriminellen Akte auch künftig geben wird. Sie bleiben aber unterhalb der Schwelle von Kriegen, wenn sie nicht durch militärische Handlungen wie Waffenlieferungen oder Interventionen befeuert werden.
Aus den Diktaturen Iraks, Saudi-Arabiens, Syriens, Jordaniens und anderen sind immer Menschen geflohen, ich kenne seit Jahrzehnten mehrere davon. Aber das war noch kein Krieg. Der völkerrechtswidrige Krieg der USA gegen den Irak war dann der Urknall für die Destabilisierung der ganzen Region. Als Hauptschuldiger dieser Menschheitskatastrophe wird sicher ein Name in die Geschichtsbücher eingehen: Georg W. Bush. Und die britischen und die französische Regierung wollten in Libyen an Dummheit und Arroganz nicht nachstehen. Die Entstehung von Al Qaida, ISIS und anderen gewalttätigen Organisationen war zwar durch langanhaltende gesellschaftliche Verwerfungen vorbereitet, doch der Flächenbrand mit Hunderttausenden Toten und Millionen Flüchtlingen ist das Ergebnis der leider wenig einfühlsamen Politik des Westens.
Dazu passt auch die terroristische Art der Kriegsführung gegen den Terrorismus: Mit Flugzeugen, Raketen und Drohnen wird auf Verdacht getötet. Es werden keine Gefangenen gemacht, die später vor einem anerkannten Gericht die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit erleichtern könnten. Somit wird auch kein künftiger Versöhnungsprozess vorbereitet.

Das bedeutet, der zunehmende Interventionismus vor allem des Westens sowie seine sogenannte „Schutzverantwortung“ sind was genau für Sie?

Schlechte Selbstdarstellungen. Der Raum im Norden Afrikas und des Nahen Ostens hatte des Öles wegen schon lange nichts mehr mit den schönen Geschichten aus „Tausend und eine Nacht“ zu tun. Doch was macht es für einen Sinn, einige dieser leidenden Völker auch noch mit Krieg zu bestrafen? Zumal solche, die trotz despotischer Regime ein relativ reiches zivilgesellschaftliches Leben entwickelt hatten und laizistische Staaten waren – wie Irak, Syrien und Libyen?
Es ist offensichtlich, dass die Auswahl der bekämpften Diktatoren nach Menschenrechtskriterien sehr zufällig, aus geopolitischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten hingegen sehr zielgerichtet erfolgte. Ziel der NATO war es offenbar, ungehörige durch hörige Despoten abzulösen und dabei die Freundschaft zu den alten Folterregimen in Saudi-Arabien und Ägypten zu festigen oder wiederherzustellen. Lediglich in Tunesien konnte das Volk einigermaßen frei von äußerer Intervention seine Revolution durchführen. Also: Der Versuch eines gewaltsamen Regierungswechsels durch Interventionen ist nicht ohne Grund völkerrechtswidrig.

Gewalt ist also niemals eine Lösung, außer vielleicht…?

Außer zuzeiten einer Revolution oder bei einem individuellen Tyrannenmord. Ich lehne Gewalt grundsätzlich ab, aber in einer Revolution stürzt das Volk selber seine Regierung. Es hat dafür seine Gründe, seine eigene Kultur, seine Traditionen und Ziele – und es kann selbstbestimmt über das Ende entscheiden.
Dagegen ist eine Intervention eine äußere Gewalt, die fadenscheinige, wenn auch hehre Ziele behauptet, jedoch stets scheitert, weil sie fremd ist und eben militärisch daher kommt. Und das Schlimmste: Sie zerstört die Selbstheilungskräfte eines Volkes. Nur behutsame Eingriffe könnten nachhaltig sein und unterschiedliche Entwicklungsniveaus respektieren.
Und es gibt kaum einen Bürgerkrieg, an dem nicht ausländische Kräfte die inhärente Entwicklung zu verfälschen suchen. Stellvertreterkriege sind infame Verbrechen an einem Volke. In ihnen kommt eine verhängnisvolle Eigenschaft von Militär und Geheimdiensten zum Ausdruck: Sie überschätzen ihre Möglichkeiten und verbreiten Illusionen über ein schnelles glückliches Ende, die dann zu Katastrophen führen. So wurde etwa die Destabilisierung von Irak, Libyen und Syrien verantwortungslos eingeleitet, ohne die grauenhaften Folgen einer solchen Politik in die Kalkulation einzubeziehen. Friedensfachleute hätten anders gedacht, gefühlt und gehandelt.
Neben den wirtschaftlichen Hintergründen gibt es innenpolitische Motive für Interventionen. Irgendwo wird Krieg geführt, um im eigenen Lande die nächste Wahl zu gewinnen. Das ist ein besonders infamer Kriegsgrund – zumal dann, wenn die militärische Aktion offiziell unter dem Etikett von Menschenrechten und Demokratie geführt wird.

Weshalb Sie auch ganz grundlegend für eine „Welt ohne Waffen“, zu der Sie auch auf der Gründungsveranstaltung des Petra-Kelly-Kreises referierten, werben… Wie genau aber sollte das gehen – und warum vernimmt man etwa die Forderung nach einer grundsätzlichen Abschaffung des Militärs nirgends im Land?

Ich plädiere tatsächlich für das Projekt einer völlig militärfreien Welt, es ist realistisch. Der Krieg ist im Jahrhundert der Menschenrechte völlig deplatziert. Dafür zwei Hauptargumente: Das Militär steht außerhalb unserer Zivilisation, weil es auf Verdacht tötet, ohne dass die individuelle Schuld des Opfers nachgewiesen wurde. Es steht auch außerhalb der ansonsten alles beherrschenden Ökonomie: Die Kosten der immensen Schäden werden ihm nicht angerechnet. Zur ethischen Haltlosigkeit gesellt sich also die praktische Unvernunft. Das Militär ist völlig ineffizient, wenn es darum geht, die Sicherheit zu erhöhen oder Menschenrechte durchzusetzen. Es verhindert im Krieg und stört im Frieden die Entwicklung der Zivilgesellschaft.
Dagegen können globale Systeme wechselseitiger Sicherheit unter dem Dach der Vereinten Nationen das Militär als Sicherheitsfaktor überflüssig und als Sicherheitsrisiko unschädlich machen. Voraussetzung für die Einleitung eines De-Militarisierungsprozesses wäre dabei die Hinwendung zum Interessenausgleich, wären Perspektivübernahme und ambitionierte Verhandlungen.
Das ist außerhalb des herrschenden Mainstreams eigentlich selbstverständlich. Die lange pazifistische Tradition und die vielen Abrüstungsinitiativen der letzten Jahrzehnte waren trotzdem nicht erfolgreich. Trotz kleiner Schritte zur Rüstungskontrolle, trotz minimaler Abrüstung an dieser und jener Waffengattung und kleinen Teststopps geht die Aufrüstung frech und ungehemmt weiter. Der militärisch-industrielle Komplex legitimiert sich dabei nach jedem Einsatz neu, indem er das Gemetzel als Sieg des Guten über die zum Bösen stilisierten Gegner verkauft.
Die gründliche Entmilitarisierung auch des Denkens ist daher der Hauptweg zum Frieden. Der neue Pazifismus muss aufs Ganze gehen. Deshalb schlagen wir vor, dass alle personellen, materiellen, strategischen und ideologischen Vorhaltungen zum Kriege beseitigt werden. Der Ausstieg aus militärischer Logik und konfrontativem Denken wird diesen irreversiblen Prozess beschleunigen, der letztlich zur militärfreien Welt führen kann.
„Aufs Ganze gehen“ verweist auch auf den globalen Charakter der De-Militarisierung. Sicherheit kann durch weltweite Netze verstärkt werden, doch kann Abrüstung auch regional und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten erfolgen. Abrüstung kann so zu einem großen kreativen und freudvollen Fest der Völker werden. Es geht schon heute darum, die Bilder eines gerechten Friedens denen des ungerechten Krieges entgegenzustellen. Was wir als „Sicherheit“ wahrnehmen, soll es dann nicht auf dem Friedhof, sondern im wirklichen Leben geben.
Der globale und ganzheitliche Ansatz eines neuen Pazifismus sollte mit einem konkreten Ausstiegsszenarium verbunden werden. Ähnlich dem Ausstieg aus der Atomkraft sollte ein Endtermin verhandelt werden, zu dem Kriege allein deshalb nicht mehr stattfinden können, weil es kein Militär mehr gibt. Ich könnte mir das Jahr 2055 als erstes militärfreies vorstellen. Es macht dabei Sinn, die Abrüstung von einer Realutopie her zu denken und die konkreten nächsten Schritte aus dem Potential der unmittelbaren Gegenwart abzuleiten.

Und wieso glauben Sie, dass das diesmal funktionieren würde?

Der Abrüstung stehen freilich ungeheure Partikularinteressen gegenüber. Von der Rüstungsindustrie über Machtpolitiker bis zu allen Arten von Ganoven gibt es Leute, die von der Gewalt leben, darunter viele gewinnbringende Medien. Aber 90 Prozent der Weltbevölkerung wollen keine Kriege mehr. Ich hoffe, dass sich diese Mehrheit auch einmal in der Realpolitik verwirklichen kann. Und ich hoffe inbrünstig, dass nicht erst eine unvorstellbare Katastrophe zum pazifistischen Umdenken führt, sondern ein guter Prozess der Aufklärung und allgemeinen Emanzipation.
Die Demilitarisierung der Welt hat keine Zeit. Am Horizont sind schon die düsteren Wolken von Verteilungskämpfen um Rohstoffe und Absatzmärkte bei gleichzeitig steigender Weltbevölkerung zu erkennen. Ohne Militär wird die Menschheit diese Probleme friedlich lösen müssen und dürfen. Und die Ersparnisse durch Abrüstung können den Problemdruck mindern.

Können Sie mit dieser Utopie im Kopf vielleicht Vorschläge für eine Lösung der gegenwärtigen humanitären Krisen entwickeln? Hier und heute, in der Gegenwart…

Wenn der Krieg einmal ausgebrochen ist, kann man nur auf die Bremse treten, also versuchen, die Spirale der Gewalt zurückzuschrauben. Alle Beteiligten müssen erkennen, dass ein Setzen auf Sieg die absolute Katastrophe bedeuten würde. Ich wüsste auch niemanden, der ihn verdient hätte. Und auf allen Seiten gibt es große Anhängerschaften, die nicht vernachlässigt werden dürfen. Zum Beispiel haben die meisten Binnenflüchtlinge erstaunlicher Weise in dem von Assad gehaltenen Gebieten Schutz gesucht. Und selbstverständlich gehören auch Anhänger des Islamischen Staates in eine Nachkriegsordnung.
Es gibt nur die Wahl zwischen Konfrontation oder Ausgleich. Eine De-Eskalation funktioniert nur durch energische und phantasievolle Verhandlungen. Statt weiter auf Verachtung und Demütigung des Gegners zu setzen, anstatt dem simplen militärischem Freund-Feind-Denken zu folgen, müssen Brücken gebaut werden, Das Denken muss „entfeindet“ werden. Das kann man tun, indem man genau hinschaut. Dann sind die verschiedenen Methoden des Tötens von Menschen – ob durch Macheten oder Raketen – nicht so verschieden. Dann ähneln sich auch die vielen Einmischungen zugunsten dieser oder jener Bürgerkriegspartei.
In unseren Medien sind aber die Kämpfer von ISIS die größten Verbrecher und Bomberpiloten haben die saubersten Westen. Es werden Kontraste erzeugt, die es in der Wirklichkeit des Krieges nicht gibt. Die vermeintlichen Kontraste in der Wahrnehmung der militärischen Verbrecher abbauen, heißt deshalb, zur Entfeindung beitragen. Und die Unterschiede zwischen den dem Westen zugeneigten und abgeneigten Diktatoren als nicht relevant betrachten heißt, einen Kriegsgrund weniger anzuerkennen.
Am Verhandlungstisch sollten besser alle ihre schmutzigen Hände unter dem Tisch lassen, sonst kommt es nicht zu ernsthaften Verhandlungen. Schuldfragen sollten jetzt nicht im Vordergrund stehen, später müssen Kriegsverbrecher und Brandstifter selbstverständlich bestraft werden.
Der soeben erfolgte Eintritt russischer Kampfbomber in den Syrienkrieg wird die Zahl der unschuldig getöteten Soldaten und Zivilisten weiter erhöhen, denn die Russen treffen nicht besser als die Amerikaner. Ich könnte dieser Intervention nur dann etwas Gutes abgewinnen, wenn dadurch ein irgend gearteter Endsieg verhindert und die Beteiligten zum Kompromiss gezwungen würden. Aber wird der Westen seine Strategie aufgeben, erst den IS, dann Assad zu besiegen? Das Festhalten an diesem Kriegsziel würde nämlich das Machtvakuum und das Chaos in Syrien vollenden und der angestrebte Systemwechsel würde wohl zu irakischen, libyschen, oder ägyptischen zuständen führen. Das sollte dem syrischen Volk erspart bleiben.
Die unakzeptable Erweiterung der Kriegsakteure könnte aber im hoffnungsvollen Falle bedeuten: Sofortige Verhandlungen über eine Zukunftslösung, die Kontinuität und Wandel in Syrien gleichermaßen enthält.
Endlich reden US-Amerikaner und Russen miteinander. Es fällt ihnen aber schwer, zum wirklichen Kriegsende einzuladen. Ob sie vorhaben, den eigentlichen Souverän, das entrechtete syrische Volk, über seine Zukunft bestimmen zu lassen, wird sich erst erweisen. Man vernimmt schon wieder das alte Kolonialdenken vom Aufteilen.
Das Tragische in dieser Welt der Gewalt ist, dass hinter der aktuellen Schadensbegrenzung schon die nächste Kriegsgefahr lauert. Die Bundesregierung hält nicht mal ihre Selbstverpflichtung ein, keine Waffen in Spannungsgebiete zu liefern. Dabei wäre es geboten, schon heute die zukünftigen Spannungsgebiete mit Waffen zu verschonen. Statt Krise auf Krise zu setzen, statt den Katastrophen und Niederlagen hinterherzulaufen, statt immer nur die Feuerwehr zu rufen, sollten endlich die Brandursachen untersucht und beseitigt werden. Abrüstung wäre ein wesentliches Ergebnis.

Was kann ich und können andere aktuell denn konkret tun, um Ihre Utopie zu unterstützen?

Wir können uns selbst aufklären und an den Mainstream-Medien vorbei positive Bilder einer militärfreien Welt entwerfen. Es wird allerdings notwendig sein, diese Welt mit einer Abkehr vom Wachstumsfetisch und einer neuen Demokratie zu verbinden, in der sich wieder Mehrheitsinteressen abbilden können.
Wir propagieren in Weimar mit unserer Initiative „Welt ohne Waffen“ eine radikale Realutopie, die sich natürlich nur über die Machtzentren durchsetzen lässt. Aber In der Provinz und in der Beschränkung auf eine der vielen Aspekte der Abrüstung kann sich auch ein Schein der großen Lösung spiegeln.
Viele lokale, aber vernetzte Aktionen können enorm viel ausrichten, wenn sie nicht in der Kleinheit verharren. Befreien wir Stück für Stück uns und unsere Nachbarn von Lethargie und Angst, denn wir bilden die Mehrheit.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

Dieses Interview wurde erstmalig veröffentlicht in „Nachdenkseiten“ am 6.10.2015