Politische Designpolitik – Der Trabi (1990)

Der Trabi passte in die DDR Honeckers, aber nicht zu mündigen Menschen in einer sich emanzipierenden Gesellschaft. Ein Plädoyer gegen die großen Flitzer von Mercedes und BMW und für das ökologische Design.

Politische Designpolitik – der Trabi

Der Trabi ist nun doch weit über sich hinausgewachsen. Ausgerechnet dieses „gestalterisch schlimmste Fahrzeug der Erde, das in Serie gefertigt wird“ (C. Dietel), ist zum Symbol für die DDR schlechthin geworden. Ursprünglich nur für den individuellen Nahverkehr zwischen Arbeit, Wohnsiedlung, Kaufhalle, Baustoffhandel und Datsche gedacht, wurde es über Nacht zum Symbol des kleinen, zurückgebliebenen DDR-Bürgers, der sich anschickt, die staatlichen Grenzen, gottlob nicht seine eigenen, zu überwinden. In das stinkende Vehikel mit den erbärmlichen Attitüden eines Ministraßenkreuzers eingepfercht, mag ihm die Pose des friedlichen Revolutionärs allerdings nicht recht glücken. Das Design ist zu lächerlich, die Heckflossen zu mickrig, die Proportionen zu doof, die Details so primitiv, alles so hoffnungslos veraltet, dass sein Anblick höchstens Mitleid erregen kann oder Ärgernis.

Dabei könnte der Trabi ein ordentliches Fahrzeug sein. Vorschläge der Formgestalter Dietel/Rudolph sind massenhaft vorhanden und wurden seit 25 Jahren, vor allem in den 70er Jahren, den Verantwortlichen in Zwickau und Berlin vorgelegt. Warum wurden sie abgelehnt? Ich kenne die verneinenden Argumente im einzelnen nicht, doch sie können nicht primär wirtschaftlicher oder technischer Art gewesen sein, auch erwächst so etwas nicht lediglich der Inkompetenz oder der bürokratischen Schlamperei. Was so stark politisch wirkt, das muss auch politisch motiviert sein. Dabei hat sich die politische Außenwirkung sicherlich zusätzlich und unverhofft eingestellt. Innenpolitisch hatte aber das lächerliche Design des Trabi eine reale Funktion, eine Unterdrückungsfunktion zu leisten. Er sorgte in permanenter mobiler Präsenz dafür, das Selbstbewusstsein seiner „Besitzer“ zu untergraben und subalternes Verhalten zu entwickeln. Der Trabi diente unseren arroganten Stalinisten mindestens unbewusst auch zur Entmündigung der Arbeiter mittels einer erniedrigenden Ästhetik. Zwar konnte der kleine Mann sein Verhältnis zum Trabi von persönlicher Frustration weitgehend befreien, indem er dieser Beziehung eine rührend mitleidige Form gab, das dem Trabi-Mucki täglich seine Streicheleinheiten bescherte. Doch dieses solidarische Gefühl gegenüber seinem Gefährten aus Plast war natürlich nur der Schein wirklicher selbstbestimmter Solidarität und ein verkitschtes Trugbild wirklicher Harmonie mit der Umwelt.

Der Trabi ist ein Beispiel starker politischer Funktionalität des Designs und ist sich darin einem Mercedes oder BMW nicht unähnlich. Wie diese der Überfluß- und Tempogesellschaft verpflichtet sind, folgt jede Art von Designpolitik – wenn auch eigenständig – einer konkreten Gesellschaftskonzeption. Es ist deshalb dringend erforderlich, in der DDR und später in dem geeinten Deutschland mit der neuen Wirtschaftspolitik auch eine neue Designpolitik zu formulieren, und ich meine, sie sollte alternativ sein. Sie sollte auf einem Wirtschaftsmodell basieren, das im Widerspruch zur umweltzerstörenden zentralistischen Planwirtschaft steht, aber auch zum umweltzerstörenden marktwirtschaftlichen Industrialismus. Unsere Planungsbürokratie war nur uneffektiver, jagte aber demselben skrupellosen Wachstumswahn nach wie die Konzerne des Westens. Wir müssen gegen beide umdenken.

Die Entwicklung eines neuen Konzeptes ist zwar im Denken anstrengend, es ist aber entgegen landläufiger Meinungen das mit dem geringsten Risiko behaftete Konzept – weil es ohne Umwege in die Zukunft weist. Wieso sollen wir der westlichen Industrialisierung und dem überzogenen Konsum beim Ausverkauf unserer Ressourcen atemlos nachhinken, wenn auch dort die gesellschaftliche Perspektive auf den ökologischen Umbau der Industriegesellschaft weist, wieso sich also nicht gleich ökologisch sinnvoll orientieren? Ich plädiere für eine konsequent natur- und deshalb menschenfreundliche Produktion, in der das technische und wirtschaftliche Element in dieser Richtung ständig qualifiziert wird, aber seine vordergründige kultische Dominanz verliert. Die Designpolitik sollte sich deutlich an den ökologischen Notwendigkeiten orientieren. Ein an der Natur geschultes Design kann keine Unterdrückungsfunktion ausüben, im Gegenteil, es wird befreiend und emanzipatorisch wirken. Der neue „Trabi“ sollte deshalb abgasarm, eher langsam als schnell, reparaturfreundlich, langlebig und recyclingfähig sein. Den Straßenbahnen, Bussen und Eisenbahnen sollte er die Vorfahrt lassen. Er sollte zum Vorteil eines sinnvollen Verkehrsverbundes nicht länger sein als jeder Eisenbahnwagen breit ist – für die langen Strecken. Und er sollte technisch wie ästhetisch immer „up to date“ doch nicht überzüchtet und nicht modisch sein. In der Form sollten die internationalen Trends zu einer originellen Interpretation des neuen Naturverhältnisses umgedeutet werden. Der Besitzer des neuen Gefährtes sollte sein Auto lieben können, es aber nicht verhätscheln und vergöttern müssen – und er sollte es verwandeln und bemalen können. Entmündigung – nein, Umweltverschmutzung – nein, Statussymbol (eine Nummer zu groß) – nein, nur Lebensqualität – ja. Nur ökologische Verträglichkeit der Dinge mit Mensch und Natur hat Sinn.

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