Ein Viertel vor Goethe – Zur Kritik eines Wettbewerbes (1992)

EIN VIERTEL VOR GOETHE
Zur Kritik eines Wettbewerbes

Das Viertel zwischen dem Frauenplan und der Schützengasse ist eines der widersprüchlichsten Quartiere Weimars. Die Atmosphäre des klassischen Weimars verbindet sich dort mit Industriearchitektur des 19. Jahrhunderts, das prächtige Hansahaus steht viermal höher als seine kleinstädtischen Nachbargebäude, das Gepflegte posiert neben dem Heruntergekommenen, das dicht Überbaute grenzt an abgerissene leere Flächen. Das ist das Wettbewerbsgebiet, das zunächst der großen Bierfabrik wegen „Brauhausviertel“ heißen sollte und dann der Reputation wegen zum Gebiet „zwischen Frauenplan und Schützengasse“ wurde.

Ein solcher Bereich bedarf mehr noch als andere der behutsamen Planung. Im Austausch mit wirtschaftlichen Kräften muss der planende Geist die dominanten Impulse für die Gestaltfindung liefern und es liegt nahe, sie in den Ergebnissen eines Wettbewerbes zu suchen. So kam es im Frühjahr zur Ausschreibung eines städtebaulichen Ideenwettbewerbes, an dem sich 41 Architekten (Kollektive) beteiligten. Inzwischen hat eine Jury die Preise vergeben und die Ergebnisse waren öffentlich ausgestellt. Hier die Preisträger:

1. Preis: Andreas Meck, München
2. Preis: Torsten Brecht und Bernd Rudolf, Weimar
3. Preis: Christine Pietsch, Weimar
3. Preis: Rainer A. Köhler, Hans Hübner, Hannes Mahl-Gebhard, Gauting/München
3. Preis: Jochen Baur und Patrick Deby, München.

Hinzu kommen mehrere Ankäufe.

Schaut man sich die Entwürfe an, so entdeckt man zunächst eine verwirrende Unterschiedlichkeit, wo der eine Architekt verdichtet, lockert der andere auf, wo der eine modern baut, gibt sich der andere historisch und so weiter. Ist das die Vielfalt der Ideen oder ist das nur Unsicherheit und Wertechaos? Wahrscheinlich beides. Es ist ein Grundzug unserer Zeit, dass überall Kriterien fehlen. Pluralismus wird zur Beliebigkeit, wenn jeder seinen separaten Maßstab hat. Auch dieser Wettbewerb war voller Unsicherheiten, obwohl der Auslober und das Preisgericht sich bemüht hatten, Orientierungen zu geben.

Vielfalt ist auch eintönig. Nur gute Ideen ragen heraus. Darunter verstehe ich phantasievolle Antworten auf reale architektonische Probleme. Sie waren selten. Ein Grund scheint mir zu sein, dass viele Planungen zu großzügig waren und gewissermaßen aus zweitausend Meter Höhe oder aus geistiger Ferne entwickelt wurden. Große Kästen und dicke Balken bilden dann die Hieroglyphen eines Viertels, das niemand wieder erkennt.

Natürlich gilt diese Kritik nicht generell und ich will meinerseits die Hauptkriterien nennen, nach denen ich die Arbeiten beurteile. Relativ unwesentlich ist für mich die Frage, ob der Entwurf eine historische oder eine moderne Formensprache bevorzugt. Dagegen ist wesentlich, ob er geist- und sinnvoll ist oder aber sinnentleert und hohl. Ich liebe die vorindustrielle Architektur, weil sie in ihrem Wesen sinnfällig war, während die meisten modernen Gebäude entweder nichts sagendes oder pathetisches Stückwerk bleiben, das immer nur Teilaspekt der Anforderungen genügt und darin den disparaten Zustand unserer modernen „Zivilisation“ widerspiegelt.

Die geforderte Sinnfälligkeit bezieht sich auf allgemeine Eigenschaften der Nutzung, der Erscheinung und der Konstruktion sowie deren Zusammenhang untereinander und zur Umwelt, aber natürlich auch auf die Besonderheiten des Standortes und das, was man gemeinhin den „Geist des Ortes“ nennt. Darin haben sich die historisch gewachsenen Merkmale der Stadt bzw. des Stadtviertels verdichtet. Wer in seinem Entwurf den Geist des Ortes einbezieht und – wenn möglich weiter ausformt – der muss nicht die alten Formen entgegen der historischen Wahrhaftigkeit nachbauen; er sollte vielmehr dieses wandelnde mythische Wesen auf neue Weise baulich interpretieren.

Es ist hier nicht der Raum, die eingereichten Entwürfe nach diesen Maßstäben zu beurteilen, ich will nur eine Arbeit hervorheben, die für mich – abweichend von der Jurymajorität – die interessanteste ist. Sie ist mit dem 2. Preis bedacht worden.

Das Besondere an diesem Entwurf ist, dass sich viele Ideen nicht nur auf die Formen, sondern auch auf die Inhalte und Nutzungen beziehen. Zum Beispiel wird in diesem Entwurf vorgeschlagen, die alte Brauerei, die schon mehrmals als „Kulturfabrik“ ins Gespräch gekommen war, mit einem Zentrum der Bade- und Körperkultur, den „Weimarer Thermen“, zu verbinden. Wie alles Kreative ist auch diese Option unerwartet, vielleicht wirkt sie sogar schockierend. Doch die in der Kulturfabrik angesiedelten Funktionen wie Kunstgalerie, Ateliers, Kleinbühne usw. würden sich durchaus mit einer Bade- und Saunakultur harmonisieren lassen, wenn diese nicht zu Bodybuilding-, Fitness- und Solarienshops umgedacht werden, in denen sich erschlaffte Körper der Leistungsgesellschaft reproduzierten, sondern als Einheit von materieller und geistiger Kultur der Begegnung, des Austausches, der Mode, Kunst des Spiels usw.. In Frage steht, ob in unserem Jahrhundert der Arbeitsteilung eine solche in der römischen Antike selbstverständliche synthetische Kultur überhaupt angedacht werden kann, jedenfalls ist der Standort in der Nähe des Wohnhauses von Goethe, der die Antike wie die Badekultur (man denke an den Alten in Karlsbad) liebte, nicht ohne historischen Reiz.

Solche historischen Bezüge finden sich auch in den Architekturformen wieder, die durchaus der modernen Formensprache angehören, doch keine Scheu vor Analogien haben und diese sogar manchmal spielerisch provozieren – natürlich klassizistisch. So ist das ganze Quartier dicht (vielleicht etwas zu stark) mit Aktivitäten, Bauten und Attributen der Kultur ausgefüllt. Dachgärten begrünen das Viertel, in dessen Zentrum sich eigentlich das zum Künstlertreff avancierte Haus des Gelehrten Eckermann befindet.

Ein anderer Schwerpunkt ist die leere Fläche des „Schützenplatzes“. Hier hat sich hinter den Kulissen schon eine Warenhauskette eingekauft und die Wettbewerbsteilnehmer taten klug daran, diesen Fakt zu respektieren. Doch während andere Autoren dem heutigen Bedürfnis dieser Konzerne nachkommen, ihre zu große Größe hinter Dekorationen kleiner Bürgerhäuser zu kaschieren, stellt der hier diskutierte Entwurf das Kaufhaus als quadratisches Solitärgebäude in den Quartierhof. Dabei wird seine Größe nicht optisch verniedlicht, sondern faktisch begrenzt und damit nicht nur den betriebswirtschaftlichen, sondern den kommunalen Bedingungen der Stadt Weimar angepasst, für welche monofunktionale Konzentrationen untypisch sind.

Der Entwurf respektiert die vorhandene Bebauung, schließt den Blockrand zur Schützengasse durch unterlagerten Wohnungsbau ab und erschließt das Kaufhaus geschickt über Passagen und Zugänge zur Schillerstraße und zur Schützengasse. Eine Tiefgarage für Kunden ist nicht vorgesehen, weil solche Einrichtungen erfahrungsgemäß den Verkehr anziehen und die Verkehrsprobleme weiter dramatisieren.
Während der „Schützengassenplatz“ wegen des dort bestehenden Investitionsinteresses wahrscheinlich sehr bald bebaut wird und gerade deshalb der öffentlichen Kontrolle bedarf, geht es im südlichen Teil, der Kulturfabrik – Brauerei und seines Umfeldes darum, sie möglichst schnell in kommunales Eigentum zu überführen und die Überlegungen zur Nutzung und Gestaltung des Quartiers fortzusetzen.

Der Frauenplan als der dritte Schwerpunkt des Wettbewerbsgebietes wird wohl noch eine Weile in der Diskussion bleiben, hier zeichnet sich noch keine allseits akzeptierte Lösung ab. Das Preisgericht empfahl weiterhin, Workshops zu den Wettbewerbsergebnissen durchzuführen. Das ist eine gute Idee, denn sie fördert die Nahsicht auf ein Gebiet, das genaues Hinschauen und differenzierte Vorschläge braucht, um die kulturelle Qualität dessen fortzusetzen, was uns unsere Vorfahren als dieses Besondere „Weimar“ überlassen haben.

Prof. Dr. Olaf Weber

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