Umsteigestation ins studentische Leben – Der Einführungskurs der Fakultät Architektur (1991)

Umsteigestation ins studentische Leben
Der Einführungskurs der Fakultät Architektur 1991

Vom 07.-18. Oktober fand für die Studenten des ersten Studienjahres der Fakultät Architektur der Einführungskurs statt. Die zeichnenden Studenten sind im Stadtbild aufgefallen und einige spektakuläre Aktionen am Nachmittag des 17. Oktober waren Gegenstand angeregter Diskussion. Hinter diesen Auffälligkeiten steckt aber ein überlegtes Konzept , das sich in der deutschen Hochschullandschaft so nicht wiederfindet und das nachfolgend nebst einigen Ergebnissen dieses Kurses dargestellt werden soll.

1) Ziel des Einführungskurses
Im Einführungskurs haben die Studenten den ersten organisierten Kontakt mit ihrem Fach, der Fakultät und den Kommilitionen ihres Studienganges. Er hat die Funktion einer Umsteigestation in das studentische Leben. Mehrere Teilziele unterstützen dieses Anliegen.

  • Erste Einblicke in das Wesen der Architektur und ihre vielfältigen Zusammenhänge zur städtischen und natürlichen Umwelt, zu den sozialen, wirtschaftlichen oder ästhetischen Voraussetzungen
  • Kennenlernen der Hochschule und des Studienortes Weimar, deren Struktur , Besonderheiten und der Geschichte
  • Möglichst ungezwungene Kontaktaufnahme zu anderen Kommilitionen, Aufbau eines guten Verhältnisses zwischen Lehrenden und Lernenden

Im Einführungskurs können sich die Studenten freie Potenzen für ihr Studium erobern. Dazu gehört, dass vorhandene Denk- und Verhaltensklischees abgebaut, dass Sensibilität und Offenheit für das Bauen und das Studium entwickelt werden. Die Studenten sollen dazu angeregt werden, individuelle Freiräume des Denkens und Empfindens zu entwickeln und sich diese Freiräume selbst zu schaffen.

2) Methoden der Vermittlung
Der Einführungskurs ist ein eigenständiger Teil des Studiums, der keine Einführung in die nachfolgenden Lehrgebiete darstellt. Er ist auch durch eine besondere Atmosphäre und Methodik geprägt:

  • Die Teilnehmer sollen keinem Leistungsdruck unterlegen sein. Probieren geht hier noch über Studieren. Es sollte Wert auf einen offenen Umgang untereinander, auf individuelles Denken und Handeln und zugleich auf kollektives Miteinander gelegt werden.
  • Die Studienform „Vorlesung“ lernen die Studenten durch tägliche Einführungen in einen historischen Aspekt der Stadt- und Hochschulgeschichte kennen.
  • Der Grundwiderspruch aller gestalterischen Tätigkeit, der Widerspruch zwischen der Einfühlung in einen gegebenen Zustand einerseits und dem tätigen Schöpfen aus sich heraus , also zwischen Einfühlung und Ausdruck, wird zum wesentlichen Gehalt des Einführungskurses thematisiert.
  • Die dominante Studienform des Einführungskurses ist das Projekt. Jede Seminargruppe erhält ein Thema, dem sie innerhalb eines gegebenen Rahmens eine eigene Orientierung und eine konkrete Ausformung gibt.

3) Ablauf
Einfühlung und Kreativität werden durch eine Aufeinanderfolge von rezeptivem und produktivem Verhalten gegenüber einem Ort in Weimar (Straße, Platz) zu aufeinander bezogenen Tätigkeiten.
Jede Seminargruppe beschäftigt sich im Rahmen eines Projektes mit einem der folgenden Orte (per Losentscheid):

  • Bahnhofsvorplatz
  • „Gauforum“
  • Theaterplatz
  • Schillerstraße
  • Frauenplan
  • Park an der Ilm
  • HAB (Geschwister-Scholl-Straße)
  • Kasseturm.

In der ersten Woche, in der Wahrnehmen und Verstehen wichtig sind, wird der Platz und die ihn umgebenden Gebäude, Höfe und Straßenräume skizziert, gezeichnet, nach verschiedenen Gesichtspunkten hin analysiert und beschrieben.Das behutsame Annähern, Begreifen und Empfinden steht dabei im Vordergrund. Es sollen neben ästhetischen auch historische, funktionale, soziale, ökologische und technische Eigenheiten beobachtet und notiert werden. Geübt werden soll die Fähigkeit, Architektur zu „lesen“ und die auf sie gerichtete Wahrnehmung zu sensibilisieren.
Die Ergebnisse werden individuell gesammelt.

Die zweite, auf Kreativität und Phantasie gerichtete Phase (2.Woche) beginnt mit der individuellen Suche. Danach werden die Lösungsvorschläge selektiert und zu einem kollektiven Vorschlag verdichtet, der im folgenden ausgeführt wird.Die Aufgabe besteht in diesem Jahr darin, eine oder mehrere Komponenten des analysierten Ortes an einem anderen Ort (Inszenierungsort) zu realisieren und diesen damit kontrastierend zu verfremden (Translokation eines Ortes). Ziel ist es, die Besonderheiten der Orte intensiv zu erleben und verschiedene Gestaltungsmittel zu erproben. Kreativität als Auffinden unvorhersehbarer Lösungen ist dabei ein wichtiges Kriterium der Beurteilung. Die schöpferische Phantasie sollte sich auf alle Aspekte der künstlerischen Gestaltung (Plastisches Gestalten, Symbolik, Farbe, musikalische und akustische Installationen , Lichtgestaltung, theatralische Aktionen, Kostümierung, Tanz, Pantomime usw.) sowie auf alle organisatorischen und Marketing-Prozesse
(Beschaffung von Material, Sponsoren, Werbung usw.) beziehen. Alle eingesetzten Mittel sollen dazu dienen, eine Besonderheit des analysierten Ortes bzw. ein Widerspruchsmoment in der Beziehung zum Inszenierungsort zu thematisieren. Die Installationen müssen spätestens am nächsten Tag wieder abgebaut werden. Am Nachmittag des vorletzten Tages findet ein gemeinsamer Stadtrundgang statt, bei dem die Seminargruppen ihre Installationen und die vorgesehenen Aktionen (als Happening, Performance) vorführen. Der Abend soll im Foyer des Hauptgebäudes mit weiteren kulturellen Aktionen ausklingen.

Wichtig ist, dass die Seminargruppen zu einem – möglicherweise arbeitsteiligen – teamwork zusammenfinden, und dass trotzdem den individuellen gestalterischen Handlungen genügend Raum gegeben wird. Jeder kann also auf seine Weise dem Ganzen etwas hinzufügen.

4) Die Ergebnisse
Die Ergebnisse der Architekturaufnahmen der ersten Woche sind als Zeichnungen und Beschreibungen in Mappen gesammelt worden.

Das kreative Spiel der zweiten Woche selbst ist schon Vergangenheit und neben der Erinnerung nur in Foto- und Videodokumenten aufbewahrt. Es stellte sich heraus, dass die Aufgabe der „Translokation“ nicht zu kompliziert war und viele überraschende Ideen entwickelt wurden, um einen Ort an einen anderen zu inszenieren. Neben dem Effekt, verschiedene Ausdrucksmittel auszuprobieren, ging es darum, etwas vom unterschiedlichen Geist städtischer Orte zu erfahren. Die Verwandlungen boten Erstaunliches. So wurde der Bahnhofsvorplatz in den Goethepark transformiert und Goethe selbst (ein afrikanischer Student) kehrte von seiner Italienreise heim. Auf dem Vordach des Bahnhofes derweilen die Elfen und Litfaßsäule entpuppte sich nach ihrer Entblößung als Schlangenstein.

Auf der Wiese des „Gauforums“ war der vom Tourismus gebeutelte Frauenplan inszeniert. Die Stätte des Dichterfürsten und seine humanistische Botschaft wurden in einer Fülle theatralischer Aktionen mit Musik, Interviews, Tribünen und Wasserspielen ins Verhältnis zur braunen Entstehungszeit des „Gauforums“ gesetzt.

Der Theaterplatz wiederum hatte sich zum Bahnhofsvorplatz verwandelt und war abgesperrt. Der Strom der Fußgänger mußte sich durch den zum Tunnel verdunkelten Säulengang des Theatereinganges zwängen, um Fahrkarten für „Busse“ zu erhalten, die aus einem Kühlergrill und Seilen bestanden, welche um die Fahrgäste gtelegt wurden. So bewegten sich die Touristen teils in „Bussen“, teils mittels Taxis (Fahrräder mit Gepäckträgern) zum nächsten Inszenierungsort, nachdem sie sich vom Kiosk-Kaffee eines Weimarer Originals marktwirtschaftlich versorgt hatten.

Auf dem Frauenplan war der Theaterplatz inszeniert. Heerscharen von Fotoapparatenköpfen bemühten sich, den Anweisungen des Reiseführers folgend ein Dichterpaar zu knipsen, das sich erst als Skulptur darstellend, dann sich als lebendige Studenten erweisend, ins kalte Brunnenwasser kippte.
An einem Wegstück im Park an der Ilm war die Schillerstraße aufgebaut. Die komischen Nachbildungen urbanen Künstlertums (z.B. Gänsemännchenbrunnen ), die beiläufig den Kommerz der Straße schmücken, waren im Gewühl der Menge noch erkennbar, obwohl die wohlgemeinten Zuschauer den Narreteien ausgeliefert waren und auf diesem Wegstück gegeneinander drückten, auch ein Auto war beteiligt.
Im Hauptgebäude angelangt, mußten die Beteiligten über den Hof und das Obergeschoß umständlich dahin gelangen, wo der letzte Programmteil stattfand.

Das war im Kasseturm. Im Foyer wurden Attribute dieses Studentenclubs nachgestaltet. Dort wurde theatralisch inszeniert, was das Studium wieder auflockern kann, auch wenn einiges nur in der Dunkelheit unter einem großen schwarzen Tuch passierte.

Danach mußte etwas gegessen und getrunken werden. Eine improvisierte Band begann zu spielen. Jemand zeigte schon Dias vom Einführungskurs. Er wurde gesellig beschlossen.

Die Veranstalter sind mit Verlauf und Ergebnis des Kurses zufrieden. Die Resultate deuten darauf hin, dass im Spannungsverhältnis von Sensibilität und Kreativität die Ansätze vieler einzelner Qualifizierungsprozesse zu verzeichnen sind, die für das weitere Studium von Bedeutung sein können. Es sei allen Kolleginnen und Kollegen aus allen Bereichen der Fakultät Architektur gedankt, die sich für den Einführungskurs engagiert haben.

Dr.-Ing.habil O. Weber
Leiter des Institutes für Kunst und Design
in: „Konstruktiv“ vom 28.November 1991

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