Thesen zur Dissertation „Architektur als Kommunikationsmittel“ mit Rogge und Zimmermann (1973)

In der Dissertationsschrift „Architektur als Kommunikationsmittel“ von Friedrich Rogge, Olaf Weber und Gerd Zimmermann werden von einem am Funktionsbegriff orientierten theoretischem Architekturmodell die Grundlagen der ideellen Aneignung der baulichen Umwelt mit Hilfe der Anfang der 70er Jahre sich intensiv entwickelten Systemtheorie, Informatik, Semiotik und der modernen Psychologie untersucht.

Thesen
Zur Kollektivdissertation
– Promotionsordnung A –

Architektur als Kommunikationsmittel
– eine Untersuchung ideeller Aneignung baulich-räumlicher Umwelt unter informationellem, semiotischem und psychologischem Aspekt –

eingereicht
beim Wissenschaftlichen Rat
der Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar
am 27.04.1973
von
Friedrich Rogge
Olaf Weber
Gerd Zimmermann

Architektur ist eingebunden in den gesellschaftlichen Lebensprozess, der sich in der gesellschaftlichen Praxis als die Gesamtheit aller Wechselbeziehungen zwischen Subjekt und Objekt, als „Stoffwechselprozess“ zwischen Gesellschaft und Natur auf der Grundlage der Produktion vollzieht. Die Gesellschaft schafft sich im Verlauf ihrer Entwicklung die zum Vollzug ihrer Lebensprozesse angemessene baulich-räumliche Umwelt, diese wirkt auf jene zurück. Bauen ist Ausdruck und Mittel der gesellschaftlichen Entwicklung, eine architektonische Zielstellung ist immer einer gesellschaftlichen untergeordnet.
Die Gestaltung der baulich-räumlichen Umwelt unterliegt im Prozess der sozialistischen Umgestaltung mehr und mehr den Wesensmerkmalen sozialistischer Gesellschaftsentwicklung: Wille und Möglichkeit zur Selbstgestaltung, zur wissenschaftlich begründeten bewussten Planung und Organisation und maximale Befriedigung der materiellen und geistigen (ideellen), der gesellschaftlichen und individuellen Bedürfnisse. Dabei wird das Bedürfnissystem komplexer und komplizierter und die Rolle der ideellen Bedürfnisse wächst.
Notwendigkeit und Ermächtigung zum Bauen erwachsen aus einer Bedürftigkeit nach Bauwerken, die langfristigen Zielen und aktuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten entspringt. Die Kenntnis der universalen Bedürfnisse an Architektur ist ein gesellschaftliches Erfordernis, abgeleitet aus den Entwicklungsgesetzen des Sozialismus, der ersten Phase des Kommunismus.

Zielstellung
Die Arbeit ist ein Versuch, Aussagen (Kenntnisse) bezüglich zweier Ebenen zu gewinnen: der universalen Bedürfnisse an Architektur und der Mittel zu ihrer Erfüllung. Sie verfolgt die Tendenz zur operativen Nutzbarkeit architekturtheoretischer Erkenntnisse. Das Fernziel sind Kriterien für angemessene (dem Subjekt adäquate) Gestaltung von Architektur. Hierfür sind in einem ersten Schritt die wesentlichen Grundlagen, eine Ausgangsbasis zur wissenschaftlichen Erarbeitung der Kriterien zu entwickeln. Das ist vor allem für den ideellen Bereich der Bedürfnisentwicklung und –befriedigung dringlich, der sich einer exakten Analyse zu entziehen scheint. Anhand eines aufzustellenden theoretischen Modells sind einzelne Erfordernisse an die Architekturgestalt abzuleiten, um die Brauchbarkeit der Ausgangsbasis zu belegen. Die Kompliziertheit der Wechselwirkungsprozesse Architektur-Gesellschaft verlangt Entsprechung im Theorienbereich.
Die Anwendung verschiedener relevanter Wissenschaftsbereiche und ihre Integration zur Beantwortung architekturtheoretischer Fragestellungen wird erforderlich.

Methode
Nur die interdisziplinäre Forschung garantiert, die gestellten Ziele zu erreichen. Dieser Methode der Integration von angrenzenden Einzelwissenschaften, vor allem der System- und Informationstheorie, der Semiotik und der Psychologie, auf der Basis des Marxismus-Leninismus ist die gesamte Arbeit verpflichtet.
Die Verfasser unternehmen einen Versuch, die Methode der materialistischen Dialektik als grundlegendes Erkenntnisprinzip auf alle Problembereiche übergreifen zu lassen. Sie versuchen insbesondere, der notwendigen dialektischen Einheit von Theorie und Empirie gerecht zu werden.
Im Integrationsprozess der Wissenschaften wurden naturgemäß zuerst relativ gesicherte Erkenntnisse architekturtheoretisch interpretiert (so werden z.B. emotionale Prozesse zugunsten kognitiver vorerst vernachlässigt). Andererseits verlangt die komplexe Thematik auch Vorstöße in relativ unerschlossene einzelwissenschaftliche Bereiche (z.B. in der Semiotik).

Ergebnisse
Die Ergebnisse der Arbeit besitzen unterschiedlichen Abstraktionsgrad. Da sie die Zielstellung verfolgt, Grundlagen zu erforschen, werden für den ideellen Bedürfnisbereich elementare, intersubjektiv relativ stabile Aspekte abgeleitet. Nur in Einzelbereichen sind schon konkrete, sich auf Architekturgestaltung (Mittel) beziehende Aussagen möglich.
Es liegen vor:

  • eine Grundklassifikation architektonischer Funktionen von Gestaltung und Aneignung
  • ein allgemeines Modell der Architektur als Kommunikationsmittel
  • ein Ansatz zu einer informationellen Beschreibung von Bauwerken
  • der Versuch einer Interpretation der Architektur als Zeichensystem und spezifischer Sprache
  • der Ansatz einer Architekturpsychologie als einer neuen angewandten Disziplin der Psychologie
  • Darstellung einzelner Wirkungsebenen der Architektur innerhalb des psychischen Bereiches
  • Vorschläge zu einer strukturell-funktionalen Betrachtung der Architekturwahrnehmung
  • eine Ableitung einiger Optimierungskriterien für die Gestaltung von Architektur aus Wahrnehmungsprozessen
  • eine allgemeine Vorplanung für zukünftig notwendige empirische Untersuchungen zur ideellen Aneignung von Architektur
  • eine Zusammenstellung und Auswertung bislang durchgeführter Untersuchungen
  • Einzelvorschläge für mögliche und notwendige Untersuchungen.

Thesen
1. Die Spezifik der Architektur (besonders ihr hoher Anteil an gesellschaftlich notwendiger Arbeit) erlaubt es, das Bedürfnis nach ihrer Gestaltung und Herstellung als Anlass zum Bauen zu vernachlässigen und lediglich das Erfordernis der Produktion von Architektur aus dem Bedürfnis nach ihrer Nutzung, Aneignung und Konsumtion abzuleiten. Wir wollen deshalb der Zweck der Gestaltung nur in der Zweckmäßigkeit der gestalteten Objekte erfüllt sehen, dessen nutzungsrelevante Eigenschaften zu objektrelevanten Qualitäten und damit zu Optimalitätskriterien der architektonischen Gestaltung werden.

2. Weil sich unter diesem Aspekt die Produktion in der Konsumtion begründet, ist es geboten, den konsumtiven Bereich (Nutzungsweise) des architektonischen Gesamtprozesses zu untersuchen, um (notwendige, nicht hinreichende) architektonische Qualitäten (intendierte Funktionen) abzuleiten, die wiederum Ziele, Mittel und Methoden des Gestaltungsprozesses (Herstellungsweise) bedingen. Die architektonische Gestaltung „nach dem bezweckten Nutzeffekt“ (Marx) ist damit ein konsumtionsgerechter Optimierungsprozess des Baumaterials.

3. Solche Eigenschaften der Architektur, durch die die Lebensprozesse ihrer Nutzer organisiert werden, sind als Funktionen der Architektur interpretierbar. Sie charakterisieren mögliches äußeres „Wirkungsverhalten“ der Bauwerke gegenüber dem Menschen, das in der Nutzung realisiert wird. Mit dieser noch allgemeinen Feststellung ist der architektonische Funktionsbegriff über materiell-praktische Zweckmäßigkeit hinaus erweitert, er schließt nunmehr auch ideelle Wirkung und psychische Bedürfnisbefriedigung des Subjekts „Nutzer“ ein.

4. Das eröffnet eine reale Möglichkeit, die verhängnisvolle, begriffliche und praktische Distinktion der baulichen Einheit in Funktionserfüllung und ästhetische Gestaltung zu überwinden und sie in der Dialektik des Funktionsgefüges aufzuheben. Damit ist eine kritische Übertragung solcher Begriffe wie „Zweck“, „Nutzen“, „Zielstellung“, „Gebrauchswert“, “Optimierung“ usw. auf das begriffliche Inventar einer ästhetischen Gestaltungslehre unumgänglich.

5. Ausgangspunkt der Gestaltung sind also intendierte Funktionen (erweiterte Aufgabenstellung), für die bauliche Strukturen zu finden sind. Die Gesamtmenge dieser Funktionen lässt sich unterschiedlich klassifizieren; wir wollen eine Typisierung auf der Basis von Wirkungsebenen im Individuum „Nutzer“, dem unmittelbaren Wirkungssubjekt vornehmen. Die drei grundlegenden Wirkungsebenen sind:

1. Die Physis des Menschen,
2. kognitive Abbilder und Emotionen (psychische Strukturen und Prozesse) und
3. äußeres Verhalten (Handeln).

In Entsprechung zu diesen Ebenen realisiert Architektur Schutz-, Mitteilungs- und Verhaltensfunktionen. Letzteres bezieht sich vor allem auf die Bewegung im Raum, also den lokomotorischen Aspekt des Verhaltens.

6. Im widersprüchlich-dialektischen Beziehungskomplex architektonischer Funktionen besitzt die Mitteilungsfunktion eine relative Selbständigkeit und eine relativ große theoretische Unerschlossenheit. Sie bezieht sich als ideelle Funktion auf die gesamte psychische Tätigkeit, die als subjektiver Informationsverarbeitungsprozess interpretiert werden kann. Damit rückt der informationelle Aspekt der Beziehung Mensch – Architektur in den Mittelpunkt dieser Untersuchung.

7. Die Architektur fungiert dabei als spezifisches Kommunikationsmittel, d.h. als Informationsspeicher in zeitlicher Translation; sie stellt eine „informationelle Brücke“ zwischen Architekt (als gesellschaftlichem Expedient) und Nutzer (als Rezipient) dar. Senden und Empfangen sind dabei als Spezialfälle von Produktion und Konsumtion zu verstehen und wie dort dient ersteres (das kommunikative Gestalten) dem letzteren (der geistigen Nutzung). Dabei ist natürlich der Rezipient nur unter anderem Rezipient, wie die ideellen Funktionen nur eine Teilklasse der gesamten architektonischen Funktionsmenge darstellen und zu anderen Teilklassen engste Beziehungen besitzen.

8. Architektur ist neben ihrer Eigenschaft als Kommunikationsmittel auch Kommunikationsvermittler: Sie organisiert soziales Kommunikationsverhalten ihrer Nutzer. Zwischen der Kommunikationsmittel- und -vermittlerrolle der Architektur bestehen (noch unerforschte) Wechselwirkungen,wobei letzterer das Primat zukommt.

9. Die Architektur verwirklicht diese Funktionen nur unter ganz konkreten raumzeitlichen Bedingungen (Kommunikationssituation), sie sind vor allem historisch-gesellschaftlich determiniert. Die zum Informationsaustausch notwendige partielle Identität der Kommunikationspartner (auf der Basis des Signalvorrates, der Codes usw.) bildet sich in der gesellschaftlichen Lebenspraxis der Menschen. Der praktische Zusammenhang ist deshalb Voraussetzung für den informationellen.

10. Als Signale besitzen Bauwerke Information, z.B. über ihre eigenen Formqualitäten (Volumen, Größe, Farbe usw.), über repräsentierte Funktionskomplexe, über den Standort, über den Zustand der Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat usw.

11. Um Architektur als Kommunikationsmittel mit subjektiven Informationsverarbeitungsprozessen konfrontieren zu können, muss sie selbst informationell beschreibbar sein. Zu diesem Zweck schließen wir uns in der Diskussion um den Informationsbegriff den Auffassungen A.D. URSUL’s an, der die Information als widergespiegelte Vielfalt interpretiert. Danach besitzt die Architektur eine objektive (potentielle) Informationsmenge, die in Rezeptionsprozessen subjektiviert (aktualisiert) wird.

12. Besonders interessant ist hier die Struktur der informationellen Randelemente der Architektur, die „sinnliche“ Oberfläche. Sie bildet das abstrakte Teilsystem A-iv (Information, visuell), dessen Ordnungszustände verschiedenen Beschreibungsmethoden zugängig sind. Es ist hierarchisch geordnet, mehrdimensional, gestuft und geschichtet.

13. Architektur ist keineswegs ein „Raumsystem“, ihre Grundelemente sind körperlich. Körperelemente binden Teile des sie umgebenden Raumes an sich und strukturieren ihn somit. Eine Funktion der Körperelemente ist die Raumbildung. Körperelemente sind auch die eigentlichen Signalelemente. Sie ermöglichen Signaltransformation durch Licht.

14. Architektur ist unter kommunikativem Aspekt mehr als nur ein physikalisches Gebilde, das sich sinnlich wahrnehmbar präsentiert; es kann darüber hinaus andere Gegenstände, Ereignisse, Relationen usw. repräsentieren, es erhält damit im aktuellen Bezeichnungsakt Bedeutung und wird zum Zeichen. Die Zeichennatur ist das Charakteristikum sozialen Informationsaustausches.

15. Jedes Ding, Ereignis usw. kann zum Zeichen werden, sobald es durch eine Bewusstseinsoperation zum Zeichen „erklärt“ wird. Die Evidenz des Zusammenhanges von Zeichen und Bezeichnetem wird gesteuert durch den Architekten, der die Wahrscheinlichkeit und die Richtung der Bedeutungszuordnung durch die Nutzer vorbestimmt.

16. Die Feststellung der prinzipiellen Zeichenhaftigkeit der Architektur muss die semiotische Forschung künftig veranlassen, die Praxis der Zeichenverwendung im Nutzungsprozess zu untersuchen, d.h. empirisch und experimentell festzustellen, wann, in welchem Kontext usw. welches Bauwerk (-teil) tatsächlich als Zeichen wofür verwendet wird.

17. Es sind 3 Grundtypen architektonischer Zeichen zu unterscheiden:
1. Bauliche Einheiten mit eindeutiger, starker Bedeutung („Merkzeichen“)
2. Bauliche Einheiten mit stark gestreutem Bedeutungsfeld, das individuell selektiert wird
3. Bauliche Einheiten, die nur im Zusammenhang mit anderen Einheiten Bedeutung erhalten.

18. Die Bedeutungszuordnung erfolgt innerhalb der Dialektik von Konventionalität und Determiniertheit. Ein reales architektonisches Zeichen kann sowohl eine „willkürliche“ Bedeutungszuordnung (symbolischer Aspekt), als auch eine Bedeutung erhalten, die von einer Kausalitäts- oder Ähnlichkeitsbeziehung zum bezeichneten Gegenstand mitgeprägt ist (indexikalischer und ikonischer Aspekt). Deshalb muss unbedingt das Problem der Widerspiegelung mit dem der Bezeichnung in Verbindung gebracht werden.

19. Eingedenk aller Unterschiede zur Verbalsprache (Linguistik) wird es möglich sein, eine (dynamische, offene) Grammatik des Bauens zu formulieren, einen Code, der unter kommunikativem Aspekt ein Konstruktionsprogramm enthält. Dieser ist in der Architektur von starken außersprachlichen Determinanten geprägt; in seinem Bedingungsgefüge kommen die Wechselwirkungen aller Klassen der architektonischen Funktionsmenge zum Ausdruck.

20. Voraussetzung für die Beherrschung kommunikativer Gestaltung von Architekturobjekten ist ein Bewusstsein von den Bedingungen der Architekturrezeption durch den Nutzer. Hierzu sind vorwissenschaftliche Modelle als Vorstellungsbilder in jedem Fall vorhanden, müssen aber im Sinne einer höheren Qualität durch ein wissenschaftliches Instrumentarium geprüft und erweitert werden. Psychologische Forschung (besonders in den letzten 15 Jahren selbst durch eine dynamische Entwicklung gekennzeichnet) ist in empirischen und theoretischen Aussagen entscheidendes Erkenntnismittel für die Funktions- und Wirkungsprinzipien ideeller Aneignung der gebauten Umwelt (Wahrnehmen, Lernen, Vorstellen usw.), da sie psychische Prozess-Strukturen beschreibt, über die architektonische Wirkung realisiert wird.

21. Die Bedeutung psychologischer Sachverhalte für viele Lebensbereiche hat zu starken Spezialisierungen der Anwendungsbereiche der Psychologie geführt (Ingenieur- und Arbeitspsychologie, Psycholinguistik, pädagogische Psychologie, klinische Psychologie u.a.) Die Spezialbereiche sind in ihren generellen Aspekten in der Allgemeinen Psychologie aufgehoben. Bei der Nutzung allgemein-psychologischer Ergebnisse muss auch die Analyse ideeller Aneignung von Architektur beginnen, um dann in einer Schrittfolge durch Einführung spezifischer Objektvariablen der Architektur zunehmend gültige Aussagen einer Architekturpsychologie als angewandte Disziplin zu formulieren. Auf dieser Grundlage können dann weitere Differenzierungen im Subjektbereich eingeführt werden, wie individual- und gruppenspezifische, sozialpsychologische und entwicklungspsychologische Aussagen. Der Grad der Relevanz dieser Subjektdifferenzierungen muss aus der spezifischen Wirksamkeit der Architektur erklärt werden.

22. Wenn durch die Nutzung psychologischer Erkenntnisse wesentliche Aneignungsbedingungen der Architektur theoretisch fassbar werden, so ist doch die Beschreibung der großen Komplexität und Variabilität realer Aneignungsvorgänge damit nicht erschöpft, hinzu kommen müssen Aussagen gesellschaftswissenschaftlicher, soziologischer, politischer und ideologischer Natur. Hierbei ist zu beachten, dass psychologische Funktionsprinzipien die Grundlage aller weiteren Variablen darstellen, wenn ideelle Aneignung untersucht wird.

23. Empirische Analyse ist die Basis der Theoriebildung über Gesetzmäßigkeiten psychischer Prozesse und der Objektwirksamkeit auf diese Prozesse. Für die Untersuchung ideeller Wirkung der Architektur bieten sich daher Ansatzpunkte
a) in der Ausnutzung vorhandener Experimentalergebnisse der Psychologie (z.B. der visuellen Wahrnehmung,
b) in der Anwendung generalisierter theoretischer Modelle auf die Architekturrezeption,
c) in der Auswertung von Experimenten an Architekturobjekten und
d) in der Nutzung des stark entwickelten Methodenapparates der Psychologie bzw. der Sozialwissenschaften. Von großer Effektivität ist die sinnvolle Durchdringung der verschiedenen Ansatzmöglichkeiten im dialektischen Verhältnis von Empirie und Theorie.

24. Innerhalb des vorgestellten universellen Konzepts architektonischer Funktionen besitzen psychologische Analysen für die Untersuchung von „Mittelfunktionen“ besondere Relevanz, da hier der Bezug von Architekturobjekten auf subjektive Zustände der Nutzer von Architektur betrachtet wird. Ziel psychologischer Analysen ist es gerade, subjektive Phänomene in ihren spezifischen Verursachungen zu beschreiben. Damit wird es möglich, die theoretische und praktische Ausgliederung ideeller Funktionen der Architektur aus der Gesamtfunktionsmenge zu überwinden und architektonische Funktionen geschlossen zu beschreiben.

25. Die Nutzung psychologischer Sachverhalte kann nicht in der Applikation akzidentieller Bestimmungen des Subjekts (Aufzählung von „Effekten“) bestehen, sondern muss die wesentlichen informationellen Relationen von Architektur und Nutzer betreffen. Tragende Prozesse ideeller Aneignung von Architektur von sind die kognitiven Prozesse des Erkennens bzw. der Erkenntnis, denen motivationale und emotionale Bewertungsvorgänge zugeordnet sind. Die Bezugsetzung des Architekturobjektes zu kognitiven Strukturen des Nutzers bildet die wesentliche Bedingungsgrundlage ideeller Architekturwirkung, denn in dieser Relation äußert sich die Angemessenheit architektonischer Objektstrukturen an die psychischen Prozesse der Informationsaufnahme, -speicherung und –verarbeitung. Diese Entsprechung ist Bedingung optimaler Wirkung der Architektur, sie wird in Gestaltungsprozessen realisiert.

26. Die Analyse der hierarchisch organisierten Funktionsgruppen psychischer Prozesse anhand psychologischer Modelvorstellungen liefert potentielle Wirkungsebenen der Architektur im Subjekt. Aktuelle Wirkungen sind genau dort auffindbar, wo Architekturobjekte informationellen Verarbeitungsprozessen unterworfen werden. Letzteres ist identisch mit dem Vorliegen einer kommunikativen Relation und abhängig von einer speziellen Motivierung der Informationsaufnahme.

27. Eine wesentliche Wirkungsebene der Architektur liegt im Bereich der Wahrnehmungsprozesse und höherer Klassifikationsprozesse, da hier direkteste und unmittelbarste kommunikative Kopplungen von Architekturobjekt und Nutzer vorliegen. Die Analyse von Wahrnehmungsprozessen und der Bezug architektonischer Signalstrukturen auf diese wird daher zum, wenn auch nicht ausschließlichen, so doch vorerst wesentlichen Problem einer Architekturpsychologie.

28. Eine strukturell-funktionale Analyse von Wahrnehmungsprozessen dient der Erfassung von Prozess-Strukturen der Informationsverarbeitung in der Wahrnehmung, die als Bezugssysteme architektonischer Signalstrukturen fungieren und daher die Wirkung mit determinieren.

29. Zwei Betrachtungsaspekte der Architekturwahrnehmung sind unterscheidbar. Einmal kann das anschaulich gegebene Wahrnehmungsbild als Absolutum verstanden werden, als Erfahrungswirklichkeit, wie sie einem „naiven“ Betrachter gegeben ist. Andererseits kann Wahrnehmung in ihrer psychologisch-funktionalen Bedingtheit als Bewusstseinsinhalt beschrieben werden. Während im ersten Fall Wirkungen im Anschauungsraum der Architektur (z.B. Raum-Körper-Verhältnisse) nur festgestellt werden, erreicht eine funktionale Betrachtung Erklärungen für diese Wirkungen durch Analyse der Prozessabläufe, die das anschauliche Bild hervorbringen. Das ermöglicht den Bezug auf subjektunabhängige physikalische Größen. Letztere Betrachtungsweise muss für die Analyse der Architekturwahrnehmung durchgesetzt werden, denn sie ermöglicht prinzipiell eine exakte Untersuchung.

30. Die Analyse von Bezugssystemen der Wahrnehmung ist zentral für die Beschreibung architektonischer Wirkung im Rezeptionsprozess. Bezugssysteme sind Subjektinterne, durch Lernprozesse ausgebildete Zustände des Rezipienten. Objektinformation wird im Rezeptionsprozess mit Bezugssystemen verknüpft. Die resultierende Wirkung im Anschauungsraum ist Ergebnis der Verarbeitung der Objektinformation mit den Bezugssystemgrößen. Diese verändern sich adaptiv bei Aufnahme neuer Informationen. Die Konsequenz ist, dass die Wirkung von Architektur durch das dialektische Wechselverhältnis objektiver und subjektiver Information bestimmt wird. Hier liegt die Quelle des dynamischen Verhältnisses von Informationsangebot und -verarbeitung, von Produktion und Rezeption. Dieser Vorgang findet auf allen Hierarchieebenen der Wahrnehmung statt.

31. Optimierung architektonischer Signalstrukturen muss von dem Grundkriterium maximalen Informationsgewinns des Rezipienten (=optimales Erkennen) ausgehen. An die Signalstruktur müssen zwei Forderungen gestellt werden:
a) in die Signalstruktur muss maximale Information über das Objekt durch Gestaltungsprozesse übertragen werden;
b) die Signalstruktur muss optimale Verarbeitung durch den Rezipienten ermöglichen.
Diese für die Signalstruktur von Architekturobjekten konträren Bestimmungen konstituieren einen dialektischen Widerspruch. Zwischen den beiden Extremforderungen existiert ein optimales Verhältnis von Vielfalt und Ordnung, dass dynamischen Charakter trägt.

32. Experimentelle und theoretische Ableitungen zeigen, dass optimale Verhältnisse nicht auf objektive Reizgrößen, sondern auf subjektrelevante informationelle Größen zu beziehen sind und dass das Optimalverhältnis quantitativ bestimmt werden kann. Optimalrelationen sind sowohl im unmittelbaren Wahrnehmungsbild als auch bei langfristigen Stilentwicklungen gegeben.

33. Speicherkapazitäten des menschlichen Gedächtnisses müssen als Grenzbedingungen der Überschaubarkeit und Erfassbarkeit von Architekturobjekten verstanden werden. Eine solche Grenzgröße der Informationsübertragung im Rezipienten ist z.B. die maximale unmittelbar erfassbare Elementzahl von 7 +/- 2.

34. Die Wahrnehmungsanalyse von Architekturobjekten betrifft alle Hierarchiestufen und reicht von der Untersuchung momentaner Wahrnehmung bis zu Analysen des Vorstellungsbildes von der Stadt, von der Ausbildung elementarer Empfindungsgrößen bis zu den Prozessen der Formwahrnehmung.

35. Architekturwahrnehmung ist durch hohe Komplexität der beteiligten Variablen gekennzeichnet. Die Nutzung von Verfahren, die komplexe Phänomene in ihren Abhängigkeiten beschreiben, wird daher notwendig, sollen Aussagen über Optimierungskriterien architektonischen Gestaltens konkretisiert werden.

36. Das vorgelegte theoretische und methodologische Modell zur Erforschung der ideellen Aneignung von Architektur beinhaltet die Forderung nach empirischen Untersuchungen, weil einerseits der Dynamik von Bedürfnisentwicklung und -befriedigung am besten entsprochen wird und diese andererseits das Modell entwickeln. Von bestimmten Verhaltensausprägungen kann auf die realisierten Wirkungen und damit auf vorhandene architektonische Funktionen geschlossen werden.

37. Es sind alle empirischen Verfahren einsetzbar, die zur Ermittlung von durch Kommunikation hervorgerufenen Verhaltensausprägungen geeignet sind. Dies sind die Untersuchungsmethoden der Sozialwissenschaften, speziell der Psychologie und Soziologie.

38. Von den drei wesentlichen Möglichkeiten empirischer Untersuchung, der einfachen Beobachtung, der normierten Statusermittlung und dem Experiment, die sich nach dem Kriterium der Erzeugung eines Phänomens unterscheiden (um einen Sachverhalt nicht nur zu erfassen, sondern auch zu beschreiben und erklären zu können), bietet die normierte Statusermittlung (gleiche Erhebungs-, Protokollierungs- und Auswertungsbedingungen für jeden Fall) vorläufig die günstigsten Möglichkeiten für die Analyse ideeller Aneignungsvorgänge. Das Experiment ist ein anzustrebendes Forschungsziel.

39. Weg und Grad der Zielerreichung wird durch die verwendeten Einzelmethoden selbst und das methodische Vorgehen, die Planung und Durchführung der Untersuchung insgesamt bestimmt. Es ist bei zukünftigen Untersuchungen nach einem, in den Sozialwissenschaften, besonders in der Psychologie üblichen Planungsschema vorzugehen. Dieses ist in eine inhaltliche (vom Untersuchungsgegenstand bestimmte) und in eine formale (von der speziellen Methodik bestimmte) Versuchsplanung unterteilt. Um zu möglichen und wesentlichen Untersuchungen zu gelangen, sind zunächst für die inhaltliche Versuchsplanung weitere Forschungen notwendig.

40. Eine Analyse wesentlicher Bedingungsfaktoren für psychische Wirkungen der visuellen architektonischen Signalstruktur zeigt folgende Zusammensetzung: Gesellschaftsformation als entscheidende Determinante für den Gesamtprozess, Objekt – das System Architektur und das Teilsystem der visuell wahrnehmbaren informationellen Randelemente, Subjekt- das System Nutzer und das Teilsystem Rezipient, Kommunikationssituation, bestehend aus der Umgebung von Architektur, den räumlichen und zeitlichen Relationen zwischen Architektur und Nutzer und der Empfangssituation des Rezipienten.

41. Den Rahmen für zukünftige Untersuchungen bilden die Haupt – „Kommunikations-“ räume einer Stadt, die Fußgängerbereiche.

42. Ein Gesamtsystem möglicher Wirkungen aufzustellen, ist beim derzeitigen Stand der Forschung nicht möglich. Es können nur einige wesentliche Aspekte ausgewählt werden (z.B. Erzeugung raum-zeitliche Orientierung, Kenntnisvermittlung, Intimität usw.)

43. Die Zusammenstellung und Auswertung durchgeführter Untersuchungen zeigt, dass seit ca. 15 Jahren international einzelne empirische Untersuchungen zu psychischen Wirkungen architektonischer Strukturen durchgeführt werden. Besondere Aufmerksamkeit wird der räumlichen Orientierung gewidmet. Die von Lynch 1958 begonnenen Untersuchungen werden des öfteren abgewandelt. Auf ihnen bauten auch jüngste Forschungsvorhaben in der Sowjetunion auf. Die normierte Statusermittlung steht im Vordergrund, das semantische Differential zur Messung emotionaler Bedeutungen ist hierfür ein klassisches Beispiel. Der informationelle Aspekt ist explizit noch nicht vorhanden.

44. Der Ablauf zukünftiger Untersuchungen sollte nach folgendem Schema erfolgen: Die visuell repräsentierten Merkmale wirken mit oder ohne Fragen, vermittelt über Instruktionen in der Induktionssituation des Versuches auf den Rezipienten ( die Versuchsperson) ein, die infolge der psychischen Prozesse und Strukturen die Informationen verarbeitet und eine bestimmte Reaktion als Verhaltensäußerung, normalerweise in Urteilen, zeigt. Diese unmittelbaren Aussagen, gewonnen durch die Varianten der Interviewtechnik, sind möglichst mit Objektbeschreibungen zu korrelieren, um auf Objektmerkmale bezogene Aussagen zu gelangen, wodurch eindeutige Abhängigkeiten feststellbar werden. Dieses Verfahren gilt als generelle Zielstellung für die weitere Arbeit an empirischen Untersuchungen. Neben der anzustrebenden Präzisierung der Induktionsbedingungen geht es um eine möglichst differenzierte Komponentenaufspaltung, d.h. Schichtung und Stufung der Reiz- und Verhaltensvariablen und eine weitgehendste Berücksichtigung der Gütekriterien.

45. Inhaltlich liegt der Schwerpunkt auf einer Weiterentwicklung und Überprüfung der Untersuchungen zur räumlichen Orientierung. Einmal sind Schnelltests zur Feststellung von Orientierungsbedingungen eines vorhandenen Stadtteils notwendig, um bei Rekonstruktionsmaßnahmen diese zu berücksichtigen, bzw. verbessern zu können und zum anderen, Untersuchungen zu Einzelaspekten, um Gesetzmäßigkeiten zu erkennen.

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